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Mangroven: Der bedrohte Wald im Tropenmeer

Mangroven sind ein einzigartiges Ökosystem zwischen Land und Meer. Das undurchdringliche Wurzelgewirr der Mangrovenbäume ist die Wiege für Fische und andere Meerestiere und Lebensgrundlage der Menschen.

 

Mangroven – die Lebenskünstler zwischen Land und Meer. Foto: Christian ZieglerMangroven – die Lebenskünstler
zwischen Land und Meer. Foto:
Christian Ziegler

In der Tiefkühltruhe im Supermarkt bleibt der Blick an einem Paket hängen. “Shrimps aus Aquakultur“ steht darauf zu lesen, Ursprungsland Ecuador. Aquakultur, das bedeutet die gezielte Garnelenzucht in Teichen. Die Garnelenzucht ist weltweit für die Zerstörung der Mangrovenwälder verantwortlich. Rettet den Regenwald hat sich vor Ort in Ecuador umgeschaut:

Die Luft im Mangrovendschungel von San Lorenzo ist zum Schneiden. Es ist schwülheiß, kein Lüftchen regt sich. Fast lautlos gleitet das Kanu an dem Dickicht von Stelzwurzeln vorbei. Es gluckst und knistert im Schlamm. Rote scherenbewehrte Krabben flitzen zu ihren Löchern und harren dort aus. Zweimal am Tag wird der Mangrovenwald von den Gezeiten geflutet, um zwischendurch bei Ebbe wieder trocken zu fallen.

Don Franklin, der Bootsführer, dirigiert das Kanu zurück auf den breiten Flussarm. Eine Formation von Pelikanen fliegt majestätisch wenige Meter von uns entfernt vorbei, am Himmel kreisen Fregattvögel, ein Trupp Kormorane geht auf der Jagd nach Fischen auf Tauchstation, am Ufersaum stakst ein Reiher auf der Suche nach Beute.

Ein Stückchen weiter sind die Blätter der Bäume weiß von Guano. Hunderte von Seevögeln nisten in den Wipfeln. Hier im Sumpfgebiet zwischen La Tola und der kolumbianischen Grenze wachsen die weltweit höchsten Mangroven. Bis siebzig Meter reichen die auf Stelzwurzeln im Schlick stockenden Bäume gen Himmel.

Fischbestand geht zurück

Eine Pfahlbausiedlung wird am Ufer sichtbar. „Die Mangrove ernährt uns alle“, erklärt Don Franklin. „Auch die Menschen leben hier vom Fischfang und dem Sammeln von Muscheln, Schnecken, Krabben und Krebsen. Aber die Fänge gehen rapide zurück. Schuld sind die Garnelenzüchter. Sehen Sie dort das Ufer gegenüber. Wenige Meter hinter den Mangroven ist alles gerodet. Dort liegen die Shrimpsteiche. Die dringen immer weiter vor und nehmen den Menschen ihre Fischgründe weg.“

An der Hafenmole in San Lorenzo treffen wir Lider Gongora. Lider bedeutet auf Spanisch Führer und er ist Präsident des Dachverbandes C-CONDEM, der den Mangrovenwald in Ecuador verteidigt. Begleitet wird er von Marianeli Torres und María Cagua. Mit ihnen fahren wir die Küste entlang weit in den Süden der Provinz Esmeraldas. In der Nähe von Muisne machen wir halt. Der Mangrovenwald ist verschwunden, stattdessen dehnen sich überall Garnelenteiche aus.

Illegale Shrimpsteiche

„Präsident Rafael Correa will jetzt diese Zerstörung mit einem Handstreich legalisieren“, erklärt Lider. „Denn in dem brackigen Wasser gedeiht, wie behauptet wird, einer unserer Exportschlager, das weiße Gold Ecuadors. Ecuadorianische Tiefkühlgarnelen als Leckerbissen für die USA und Europa. Das Geschäft beherrscht ein Dutzend Firmen und die Menschen hier vor Ort werden um ihre Heimat und Lebensgrundlagen gebracht.“

Die Anwohner verhindern weitere Rodungen der Mangroven und wollen wieder aufforstenDie Anwohner verhindern weitere
Rodungen der Mangroven und
wollen wieder aufforsten

So wie María Cagua. Sie ist Muschelsammlerin aus Muisne. Ihre Hände sind von den vielen Jahren Arbeit in der Sonne und im Schlamm der Mangrove gegerbt. Mit dem Muschelsammeln hat sie ihre elf Kinder großgezogen, doch seit die Garnelenzüchter mehr als achtzig Prozent des Mangrovenwalds von Muisne zerstört haben, hat sich die Lage der Familie dramatisch verschlechtert. „Obwohl sie illegal sind, führen sich die Shrimpsfarmer wie Besitzer auf: sie versperren uns den Weg, sie schießen und hetzen Hunde auf uns. Aus welchem Grund will die Regierung ihnen jetzt Besitzdokumente geben?“, fragt María verbittert.

Umweltgruppen kämpfen gegen die Farmen

Die Regierung hat die Mangroven 1986 unter Schutz gestellt und deren Rodung verboten. Doch Garnelenfarmen und Investoren haben sich seit den 80er- Jahren widerrechtlich der Mangroven bemächtigt. Immer wieder wurde die Gesetzwidrigkeit der Shrimpsfarmen festgestellt, doch dagegen vorgegangen sind die Behörden nur in Einzelfällen. Mehr als zwei Drittel der Mangroven wurden gerodet, insgesamt gut 255.000 Hektar. Nun soll es auch dem Rest an den Kragen gehen. Nach Erdöl und Bananen stehen Shrimps an dritter Stelle der ecuadorianischen Exporterlöse. Die Mangrovenwälder schützen die Küste auch vor Überflutungen und Wellengang. Die gesamte Pazifikküste Ecuadors ist Tsunamigebiet. Die Garnelenteiche bieten davor keinerlei Schutz.

„Wir haben schon seit Langem die Illegalität der Shrimpsindustrie und Verletzung fundamentaler Rechte angezeigt“, erklärt Marianeli Torres, Koordinatorin von C-CONDEM. „Nun will die Regierung Fakten schaffen, zum Vorteil der illegalen Zerstörer. Die in unserer Organisation zusammengeschlossenen Fischer und Muschelsammler verlangen die Wiedererlangung und Renaturierung der Mangroven. Die sollen wieder Lebensraum für die Menschen werden. Auf einem Hektar Mangrove finden zehn Fischerfamilien ihr Auskommen, während hundert Hektar Shrimpsteiche gerade vier Arbeitsplätze schaffen.“

Ecuador ist einer der Vorreiter bei der Zertifizierung von organischen Shrimps. Daran hat auch die deutsche Entwicklungshilfe über die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) mitgewirkt. Seit dem Jahr 2000 haben mittlerweile sechs Shrimpsfarmen das Siegel des Naturland-Verbands erhalten. Naturland zertifiziert weltweit ökologischen Landbau. „Auch die zertifizierten Shrimpsteiche liegen in ehemaligem Mangrovengebiet“, erklärt Marianeli Torres. „Die Rodungen passierten zwar vor der Zertifizierung, aber die Menschen aus den umliegenden Dörfern haben trotzdem ihre Fischgründe verloren. Ihre Lebensgrundlagen wurden zerstört und sie haben keinen Nutzen vom Shrimpsgeschäft. Die organische Produktion und ihre Zertifizierung beruhigt vielleicht das Gewissen der Konsumenten in Deutschland. Aber das hilft uns hier überhaupt nicht weiter. Wir bitten deshalb darum, die Shrimps nicht zu essen, egal ob mit oder ohne ‚Biosiegel‘.“

Vergiftung und unbeherrschbare Plagen

Am Uferdamm hat der Wind schmutzigen Schaum zusammengetrieben. Es riecht nach Fäulnis. Der Teich auf der anderen Seite ist trocken. So sieht nach drei bis spätestens sieben Jahren das Ende aus. Der Boden ist in ein Riesenpuzzle aus kleinen Schollen aufgebrochen, eine vom Menschen geschaffene Wüste. Der Schlamm ist mit den Fäkalien der Garnelen und mit Bakterien und Chemikalien vergiftet. Die Schädlingsplagen sind selbst durch die massenhaft eingesetzten Antibiotika nicht mehr beherrschbar und die Teiche werden aufgegeben. Die Garnelenzüchter roden immer weiter Mangroven und legen neue Teiche an.

„Wir wollen, dass das illegal besetzte Land an den Staat zurückgegeben wird und dass der Staat die angestammten Landrechte der Fischerfamilien anerkennt“, fordert Lider und sprüht voll Energie. „Wir wollen dem Gebiet das Leben zurückgeben, die Dämme einreißen und wieder Mangroven anpflanzen. Es wird nicht leicht sein, aber Mangroven wachsen schnell, unter guten Bedingungen bis zu einem Meter pro Jahr.“ C-CONDEM bittet um finanzielle Unterstützung, um per Anwalt gerichtlich gegen das Regierungsdekret vorgehen, Workshops in den Dörfern abhalten sowie die Shrimpsteiche wieder mit Mangroven aufforsten zu können. Bereits im November hat der Verein den Umweltschützern 4.100 Euro für die Fahrt von 200 Einwohnern aus den Mangrovengebieten der gesamten ecuadorianischen Küste zu einer Demonstration in der Hauptstadt Quito gespendet.

 

Bitte schreiben Sie an die Botschaft von Ecuador und bitten Sie die Regierung um die Rücknahme des Dekrets zur Legalisierung der illegalen Garnelenfarmen in den Mangroven:

Herr Rafael Correa, Präsident der Republik Ecuador
c/o Botschaft der Republik Ecuador
Joachimstaler Straße 10-12
10719 Berlin
Tel.: 030-800 96 95
Fax: 030-800 96 96 99
alemania@embajada-ecuador.org