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Elfenbeinküste

Die dunkle Seite der Schokolade

Rodung Das Schutzgebiet von Scio ist zu großen Teilen verwüstet worden. Bauern haben den Wald abgeholzt

Es ist ein zerstörerischer Genuss: Für unseren Hunger auf Schokolade wird in der Elfenbeinküste in erschreckendem Ausmaß Regenwald gerodet – sogar in den Nationalparks. Alle bedeutenden Schokoladen-Hersteller wie Mars, Mondelez oder Nestlé kaufen Kakao von dort und profitieren von der illegalen Herkunft. Bitte fordern Sie die Firmen auf: Kein Kakao aus Raubbau! Noch ist es nicht zu spät, Westafrikas Natur zu retten

Die Regenwälder der Elfenbeinküste waren ein Paradies für Schimpansen, Leoparden, Flusspferde und Elefanten. Tausende Tier- und Pflanzenarten lebten nur hier und nirgends sonst auf der Welt. Biologen schwärmten von einem Hotspot der Artenvielfalt. Doch innerhalb von 25 Jahren wurden 85 Prozent der Wälder abgeholzt, lediglich kleine Reste sind übrig. In keinem Land Afrikas wird die Natur in so rasantem Tempo verwüstet wie in der Elfenbeinküste. Die Zahl der Elefanten – Namensgeber des Landes – ist von Hunderttausenden Tieren auf maximal 400 eingebrochen. Schimpansen sind in Reservate wie dem Taï Nationalpark an der Grenze zu Liberia zurückgedrängt (lesen Sie ab Seite 4 mehr über Schimpansenschutz).

Eine Hauptschuld an der Waldvernichtung trägt der Kakao-Anbau. Wo heute Plantagen stehen, musste Regenwald weichen. Schlimmer noch: Heute fallen Nationalparks und andere Schutzgebiete dem Hunger nach Kakao zum Opfer. Kleinbauern roden die Wälder, brennen sie nieder und pflanzen Kakaosträucher. Viele Reservate wurden nahezu flächendeckend in Plantagen umgewandelt.

Stummelaffe Der Lebensraum der Stummelaffen schwindet. Selbst in jedem zweiten Schutzgebiet gibt es keinerlei Primaten mehr (© Silvana Sita (WCF))

Teilweise sind dort Städte mit Tausenden Einwohnern gewachsen, mit Kirchen und Moscheen, mit staatlichen Schulen und Gesundheitsposten, berichtet die Organisation Mighty Earth, die für ihren Bericht „Chocolate‘s dark secret“ in der Elfenbeinküste recherchiert hat. So ist der Ort Sada in der Scio Protected Area zu einem Zentrum des Kakao-Business in der Region aufgestiegen. Mehr als 20 Händler machen dort ihre Geschäfte. Im Mount Péko National Park haben sich 30.000 Menschen niedergelassen. Sie produzieren 10.000 Tonnen Kakao im Jahr. Wert: 24 Millionen Euro.

Diese Landnahme bleibt freilich von staatlichen Stellen nicht unbemerkt. Doch ivorische Behörden und Beamte schauen tatenlos zu, weil sie überfordert sind oder bestochen wurden. Vertreter der Forstverwaltung erteilen sogar Ratschläge, wie Pflanzungen so anlegt werden können, dass sie von der Straße aus nicht einsehbar sind. Der Leiter der Waldschutzbehörde Sodefor räumt ein, dass 40 Prozent der Kakao-Ernte aus Schutzgebieten stammen.

Arbeiter auf Kakao Plantage Mit Macheten schneiden die Arbeiter schon auf der Plantage die gelben Kakao-Früchte auf. Sie lösen Fruchtfleisch und Samenkerne heraus (© Mighty Earth)

Als die Regierung in Abidjan er-kannte, dass sie mehr für den Waldschutz tun muss, und dies während des Klimagipfels von Paris versprach, gingen die Behörden plötzlich mit unerbittlicher Härte gegen die Siedler in Schutzgebieten vor. Die Organisation Human Rights Watch schildert in einem Report, dass Hütten ohne Vorwarnung niedergebrannt wurden. Die Rechte der Menschen zählten nichts. Der Natur hat die Aktion nichts gebracht: Kurze Zeit später waren die Kakao-Bauern zurückgekehrt – sie mussten den Beamten schlicht mehr Schmiergeld als zuvor zahlen.

Häufig sehen die Kleinbauern keine Alternative für ihren Lebensunterhalt, als in die Schutzgebiete einzudringen. Wohlstand bringt ihnen der Raubbau nicht. Viele müssen mit weniger als einem Dollar am Tag auskommen. Von Sklavenarbeit wird berichtet, von Kinderarbeit ebenso. Da die Produzenten immer weniger mit ihrer Ernte verdienen, verschlechtern sich ihre Lebensbedingungen sogar. Lediglich 6,6 Prozent des Preises einer Tafel Schokolade kommen ihnen zugute. In den 1980er Jahren lag der Anteil noch bei 16 Prozent. Gewinner sind vor allem die Schokoladen-Hersteller und Supermärkte in Europa. Sie streichen 35 beziehungsweise 44 Prozent des Verkaufspreises ein. Natur und Menschen werden gleichermaßen ausgebeutet.

Karte Elfenbeinküste (© Rettet den Regenwald)

Im Jahr 1990 waren noch weite Teile der Elfenbeinküste bewaldet. Heute sind lediglich vier Prozent von dichtem Wald bedeckt, vor allem im Taï Nationalpark

Über mehrere Zwischenhändler nimmt der Kakao den Weg aus den Schutzgebieten zu den Häfen von Abidjan und San Pedro. Dort kaufen die drei globalen Agrarkonzerne Cargill, Olam und Barry Callebaut, die die Hälfte des Weltmarktes beherrschen, die Bohnen auf und verschiffen sie vornehmlich nach Nordamerika und Europa. „Diese Firmen profitieren vom Unvermögen und der Korruption innerhalb der ivorischen Regierung“, schreibt Mighty Earth im Report „Chocolate‘s dark secret“. Die Konzerne hätten den Markt für illegalen Kakao geradezu geschaffen.

Mars, Mondelez, Nestlé – alle großen Süßwarenfirmen der Welt kaufen und verarbeiten den Kakao, der ihnen billig aus Westafrika angeboten wird. „Kakao-Händler und ebenso Schokoladen-Firmen sagten uns, ihnen sei bewusst, dass erhebliche Mengen des von ihnen in der Elfenbeinküste erworbenen Kakaos wahrscheinlich illegal in Schutzgebieten angebaut wurde“, so Mighty Earth.

Arbeiter bei Kakaotransport-Elfenbeinküste Die Elfenbeinküste ist Kakao-Land: Knapp 40 Prozent der Weltproduktion von knapp 4 Millionen Tonnen pro Jahr werden dort geerntet (© Mighty Earth)

Der Organisation zufolge bestritt keine der 70 Schokoladen-Firmen, die mit dem Bericht konfrontiert wurden, Kakao aus Schutzgebieten zu beziehen oder stellte die vorgelegten Fakten infrage. Lindt verweist darauf, Kakao ausschließlich aus Ghana zu beziehen. Viele Branchenvertreter flüchten sich in Ausreden, man arbeite an Verbesserungen – ohne dafür Belege zu liefern. Der Konzern Mars schweigt.

Die traurige Wahrheit: Wer eine Schokoladen-Tafel, einen Schoko-Riegel oder einen Schoko-Nikolaus isst, muss damit rechnen, dass darin ein Teil Regenwaldvernichtung steckt. Wir fordern daher von Mars, Mondelez, Nestlé und Co:

- Verarbeiten Sie keinen Kakao, der aus Schutzgebieten und Raubbau stammt.
- Kommen Sie für die ökologischen Schäden auf, die durch den Kakao-Anbau verursacht wurden.
- Zahlen Sie den Kleinbauern faire Preise. Und unterstützen Sie die Einheimischen dabei, weitere, umweltschonende Erwerbsquellen zu erschließen.

Schoko-Produkte Der Weihnachtsmann frisst Regenwald: Alle großen Schokoladen-Hersteller beziehen Kakao aus Westafrika (© RdR)

Der Raubbau an den Wäldern muss ein Ende haben. Für den Genuss von Schokolade darf kein einziger Baum mehr gefällt werden. Bitte helfen Sie, die Natur für die letzten Schimpansen und Elefanten Westafrikas zu erhalten.

Unsere Petition an die Süßwarenkonzerne finden Sie im Internet unter www.regenwald.org/petitionen

Schokolade-Fakten

Deutschland gehört mit einem Pro-Kopf-Verbrauch von 12 Kilogramm Schokolade pro Jahr zu den wichtigsten Absatzmärkten. Weltweit werden jährlich drei Millionen Tonnen Schokolade gegessen. 85 Milliarden Euro werden damit umgesetzt. Tendenz steigend: Der Markt wächst um bis zu fünf Prozent pro Jahr.

Die Elfenbeinküste und Ghana sind die mit Abstand wichtigsten Anbauländer von Kakao. Die Branche expandiert zunehmend in die Regenwälder Zentralafrikas, Indonesiens und Perus. Kakao wird vor allem von mehreren Millionen Kleinbauern und deren Familienangehörigen geerntet, die jeweils weniger als fünf Hektar Land bestellen.

Den Weltmarkt für Schokolade beherrschen wenige Konzerne.

Mondelez

Zur Schokoladen-Sparte des US-Konzerns gehören Milka, Toblerone, Oreo, Côte d‘Or und Cadbury.

Nestlé

Die Schweizer verarbeiten Kakao für Smarties, KitKat, Lion, Aero, Nesquik und für Eis von Mövenpick und Häagen-Dazs.

Mars

Das Imperium umfasst Snickers, Milky Way, M&M‘s, Twix, Bounty, Balisto, Amicelli und Maltesers.

Zu den globalen Playern gehören Lindt, Ferrero und Hersheys.