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Regenwald Report 01/2020

Biodiversität in Südostasien

Feri und Marhoni vor Honigbaum „Die Bienen bewahren unseren Wald. Darum steht der Honigbaum unter unserem besonderen Schutz.“ (© Feri Irawan)

Indonesiens Regenwälder faszinieren durch ihre Vielfalt: von asiatischer bis zu australischer Flora und Fauna, vom Ökosystem Baum bis zur Inselbiologie. Sie sind ein Lehrbuch der Evolution. Ihre Diversität ist ihre Überlebensstrategie.

Wie ein grünes Meer sieht der tropische Regenwald von oben aus, grün in allen Schattierungen, durchbrochen von dunklen Bändern der Flüsse. Die Bäume verschmelzen zu einem harmonischen Mosaik aus Tupfern. Ein Blick aus der Höhe auf Amazonien ähnelt dem auf die Regenwälder des Kongobeckens oder Südostasiens. Diese drei großen Regionen unserer Erde sind die Heimat der meisten Regenwälder, hier finden sie die notwendige ganzjährige Wärme und Feuchtigkeit. Zusammen bedecken sie ein Zehntel der Erdoberfläche (vor zwanzig Jahren: 11,5 Prozent, heute: weniger als 9 Prozent), beherbergen jedoch die Hälfte aller Pflanzen- und Tierarten und speichern fast die Hälfte des in lebenden Organismen gebundenen Kohlenstoffs.

Sumatra, Borneo, Sulawesi, Neuguinea – das sind die großen Waldinseln des indonesischen Archipels. Hier wachsen die bekannten Harthölzer wie Teak, Mahagoni oder Meranti und Bäume wie der Muskatnussbaum, der im 16. und 17. Jahrhundert europäische Händler anlockte. 5.000 Kilometer erstreckt sich das Inselreich von Ost nach West und 1.800 Kilometer in Nord-Süd-Richtung. Dieser Ring von Inseln entlang des Äquators besteht aus einzelnen Perlen ökologisch höchst unterschiedlicher Art.

Von Westen kommend durchstreifen wir Sumatra. So groß wie Frankreich, war Sumatra noch vor wenigen Jahrzehnten fast vollständig von Wald bedeckt. Zusammenhängende Wälder gibt es nur noch im Leuser-Ökosystem, wo die vier großen Säugetierarten Orang-Utan, Sumatra-Tiger, Sumatra-Elefant und Nashorn
leben. Die Flora gehört zu den arten-reichsten der Welt. Auf einem einzigen Hektar (100x100 Meter) finden sich
Hunderte verschiedene Baumarten und kein Hektar gleicht dem benachbarten.

Vielfalt fördert Vielfalt

Von unten betrachtet erahnt man nur die Stockwerke des Regenwaldes. Der Blick erreicht kaum die Krone, oft 30 bis 50 Meter über dem Boden, und zu Recht nennen Biologen sie einen „weißen Flecken“ auf der Landkarte der biologischen Forschung. Bekannt ist aber, dass Vielfalt Vielfalt fördert. Die einzelnen Stockwerke bieten vielen Tieren, Pilzen und Pflanzen Nahrung und wenn ein Baum gefällt wird, stürzen Tausende andere Lebewesen mit ihm. Sie schaffen es nicht in die Schlagzeilen wie der Orang-Utan, dabei sind sie für die Gesundheit des Ökosystems viel wichtiger.

Die imposanten Stämme, oft mit hohen Brettwurzeln, gehören zur Familie der Flügelfruchtgewächse (Dipterocarpaceae). Sie dominieren die Tieflandregenwälder Südostasiens. Ihre zahlreichen Gattungen und Arten liefern begehrtes Hartholz, und ihretwegen sind die Wälder in den letzten Jahrzehnten brutal dezimiert worden.

Frau pflanzt Setzling Der Boden Borneos ist arm an Humus und Nährstoffen. Ohne den Wald bleiben nur Sand, Torf und Ölpalmen. (© SOB)

Südlich des Leuser-Ökosystems dominiert die Ölpalme in industriell angelegten Monokulturen. Von Ferne sieht man einen einzelnen Baum aus der Einöde ragen. „Sialang“ nennen ihn die Einheimischen und schützen ihn vehement gegen die Ölpalmfirmen. Mit Sialang
sind unterschiedliche Arten gemeint. Eines ist ihnen gemeinsam: Sie sind Honigbäume mit Stöcken wilder Bienen, Garanten für das Überleben der Ökosysteme. Nebenbei versorgen sie die Menschen mit Honig.

Lebenszyklus im Regenwald

Borneo, die geologisch uralte Insel, ist ein Lehrstück für den Lebenszyklus im Regenwald. Wachsen, Gedeihen und Vergehen finden zwischen Krone und Boden statt. Auf sehr armen Mineralböden, Torf oder gar Kohle herrscht eine Vielfalt, die sich selbst erhält. In einem einzigen der ältesten Regenwälder der Erde haben Forscher 15.000 Pflanzen identifiziert. Die Vielfalt aber ist auch ein Indiz für die Armut des Bodens. Ohne Pflanzen-decke bliebe nichts als blanke Erde oder Sand.

Flora und Fauna Sumatras gleichen denen Südostasiens, doch je weiter die Reise nach Osten führt, umso auffallender werden die Unterschiede. Asiatische Arten im Westen, australische im Osten, mit dem Übergangsgebiet Wallacea. Mittendrin in der Wallacea liegt Sulawesi, ein Kleinod der biologischen Vielfalt. Sulawesi ist Heimat sonderbarer und seltener Arten. Verblüffend zum Beispiel sind die Aluminiumbäume (Symplocos), die sich an den hohen Metallgehalt der Böden angepasst haben. Auch die Industrie hat die Metalle im Visier, vor allem Nickel und Gold.

Große Säuger gibt es hier nicht mehr und weiter im Osten Indonesiens sitzen schon Kängurus auf den Bäumen. Die wertvollen Harthölzer jedoch, die Flügelfruchtgewächse, haben es bis nach Neuguinea geschafft. Von den mehr als 20.000 Pflanzenarten Neuguineas sind viele noch nicht einmal beschrieben. Manche wie die Kasuarinen entsprechen australischen Arten, mehr als die Hälfte aber ist endemisch und kommt nur dort vor. Die Wälder Neuguineas sind aktuell das Zielgebiet für Plantagenwirtschaft und es scheint so, dass viele Arten unbeschrieben aussterben werden.

Auf Inseln entwickeln sich im Laufe der Evolution Arten, die es sonst nirgendwo anders gibt. Dies macht, neben der für tropische Regenwälder typischen Artenvielfalt, die Besonderheit des Inselreichs aus. Doch: Je kleiner eine Insel ist, umso ärmer ist sie an Arten. Und heute werden die letzten Wälder zu kleinen Inseln im Meer von Monokulturen.