Fragen und Antworten zu Biodiversität

Biodiversität oder auch Biologische Vielfalt umfasst die Artenvielfalt, die genetische Vielfalt innerhalb der Arten und die Vielfalt der Ökosysteme. Viele Arten verschwinden, bevor sie überhaupt entdeckt wurden, weil deren Lebensraum durch den Menschen für immer zerstört wird. Expert:innen sprechen bereits von einem sechsten Massenaussterben in der Geschichte der Erde.

Definition: Was ist Biodiversität?

Biodiversität oder auch Biologische Vielfalt umfasst drei große Bereiche, die sehr eng miteinander verbunden sind: die Artenvielfalt, die genetische Vielfalt innerhalb der Arten und die Vielfalt der Ökosysteme. Zu den Ökosystemen gehören Lebensgemeinschaften und Lebensräume wie z.B. Wälder und Meere. Zur Biodiversität zählt auch die Vielfalt an Funktionen und Wechselwirkungen, mit denen Arten innerhalb der Ökosysteme miteinander in Beziehung stehen.

Artenvielfalt wird häufig als Synonym für Biodiversität verwendet, ist jedoch nur ein Teil davon. Die biologische Vielfalt hat sich durch Evolution in Milliarden Jahren der Erdgeschichte entwickelt.

Wie ist die Biodiversität weltweit verteilt?

Die biologische Vielfalt nimmt von den Polen zum Äquator hin zu, wobei die Wüsten eine Ausnahme bilden. Rund 78% aller Arten leben an Land und 17% im Wasser. Tropische Regenwälder und Korallenriffe sind die artenreichsten und komplexesten Ökosysteme der Erde. Rund die Hälfte aller  bekannten Tier- und Pflanzenarten lebt in den Tropenwäldern, obwohl diese Wälder nur circa 13 % der Landfläche bedecken. Die Ursachen für die sehr hohe Artenvielfalt in den Regenwäldern sind wissenschaftlich noch nicht vollständig geklärt. Faktoren wie die Nährstoffarmut, ganzjährig hohe Sonneneinstrahlung und hohe Niederschläge spielen jedoch eine wichtige Rolle. Gerade durch den Mangel an Nährstoffen können sich viele unterschiedliche Arten im Regenwald entwickeln, denn aufgrund des Mangels kann keine Art überhandnehmen.

Auch der am Äquator geringere Einfluss der Eiszeiten, sowie das hohe Alter der Regenwälder - Millionen von Jahre - haben zu einer einzigartigen Artenvielfalt beigetragen.  Besonders artenreiche Gebiete liegen in Amazonien, auf Madagaskar, in Südostasien und Teilen Süd-, West- und Zentralafrikas. Im Yasuni Nationalpark in Ecuador findet man zum Beispiel mehr Baumarten pro Hektar als in ganz Nordamerika zusammen. Und auf einem einzigen Baum leben mehr Insektenarten als in ganz Europa. Deutschland ist im Vergleich dazu ein relativ artenarmes Land.

Wie viele Arten gibt es auf der Welt?

Die genaue Anzahl der Arten ist unbekannt. Derzeit sind etwa 2 Millionen Tier- und Pflanzenarten wissenschaftlich beschrieben. Davon sind 75% wirbellose Tiere (Insekten, Spinnentiere, Krebstiere), 4% Wirbeltiere (Säugetiere, Fische, Amphibien, Reptilien, Vögel) und 21% Pflanzen. Experten schätzen die Anzahl der Arten  auf 5 – 10 Millionen!  Ein Bericht des Internationalen Biodiversitätsrates (IBPES) von 2019 schätzt 8 Millionen Tier- und Pflanzenarten weltweit. Jedes Jahr werden ca. 18.000 neue Arten entdeckt. Erst 2017 wurde z.B. der Tapanuli-Orang-Utan auf Sumatra als eigene Art beschrieben.

Was sind endemische Arten?

Endemisch ist eine Art, wenn sie nur auf einem begrenzten Gebiet vorkommt, z.B. nur auf einer Insel, in einem Gebirge oder auf einem Kontinent. Endemische Arten sind zum Beispiel alle Lemurenarten auf der Insel Madagaskar. Der kleinste Primat unter ihnen ist der Berthe-Mausmaki, der erst im Jahr 2000 entdeckt wurde. Er ist  bis zu 9 cm groß, rund 30 g schwer und lebt nur im Kirindy-Wald an der Westküste der Insel.

Ein weiteres Beispiel ist der Königin-Alexandra-Vogelfalter. Er ist mit 28 cm Flügelspannweite der größte Schmetterling der Welt und kommt nur auf Neuguinea vor. Seine Raupen sind auf eine einzige Futterpflanze angewiesen, die durch die Zerstörung der Regenwälder massiv bedroht ist.

Was ist ein Biodiversitäts-Hotspot?

Biodiversitäts-Hotspots sind Regionen , in denen eine große Zahl endemischer Pflanzen- und Tierarten vorkommt und deren Natur in besonderem Maße bedroht ist. Als Größenordnung gilt, dass 70% der Fläche bereits zerstört sind.

Aktuell bedecken 34 Biodiversitäts-Hotspots zwar nur 2,4 % der Erdoberfläche, beherbergen aber 70% der biologischen Vielfalt. In diesen Regionen lebt die Hälfte aller Pflanzenarten und 77% aller Landwirbeltiere. Das Konzept der Biodiversitäts-Hotspots wurde von den Biologen Russell Mittermeier und Norman Myers Ende der 1980er Jahre entwickelt, um weltweite Schutzbemühungen besser zu steuern und zu bündeln.

Wo findet man Biodiversitäts-Hotspots?

Die meisten der Biodiversitäts-Hotspots liegen in den Tropen, insbesondere in Südostasien – besonders Malaysia und Indonesien –, in Westafrika, auf Madagaskar, in den Anden, in Mittelamerika und in der Karibik. Aber auch Gebiete an der Westküste der USA, in Teilen Chiles, im Mittelmeergebiet und in Neuseeland gehören dazu.

Wie wird die Biodiversität bestimmt?

Wissenschaftler:innen auf der ganzen Welt untersuchen und zählen Tiere, Pflanzen und Lebensräume. Gemessen wird dabei sowohl die Anzahl der Arten als auch die Anzahl der Individuen jeder Art pro Flächeneinheit. Mit dem Biodiversitätsindex kann man den Zustand, die Entwicklung und räumlichen Unterschiede der biologischen Vielfalt darstellen.

Weitere wichtige Merkmale zur Bestimmung der globalen Biodiversität sind z.B. die Waldfläche, der Umfang mariner Lebensräume, die Fläche von Schutzgebieten, die Wasserqualität von Meer- und Süßwasser. Aber auch das Wohlergehen von indigenen Gemeinschaften mit traditioneller Lebensweise spielt eine wichtige Rolle.

Warum ist Biodiversität so wichtig und schützenswert?

Die biologische Vielfalt ist bereits für sich allein schützenswert und gleichzeitig unsere Lebensgrundlage. Sie kann man mit einer Bibliothek vergleichen. So wie jedes Buch zu Wissen und Ideen beiträgt, ist auch jede Art für die Evolution und damit auch für uns Menschen wichtig. Alle Menschen auf dieser Welt sind auf eine vielfältige Natur und intakte Ökosysteme angewiesen, denn diese liefern Nahrung, Wasser und andere Ressourcen.

Eine hohe Biodiversität macht Ökosysteme häufig produktiver und widerstandsfähiger gegen veränderte Umweltbedingungen wie z.B. Klimawandel oder Umweltverschmutzung. Der Erhalt der biologischen Vielfalt und der Schutz von stabilen Ökosystemen ist für das Überleben der Menschen unbedingt notwendig.

Hier ein Überblick über die Bedeutung von biologisch vielfältigen und intakten Ökosystemen für den Menschen:

  • Nahrungsmittel – Der Mensch nutzt vielfältige Nahrungsmittel, viele davon kommen aus den Tropen z.B. Bananen, Kakao, Kaffee, Reis
  • Sauberes Trinkwasser – nur 1% der weltweiten Wasservorräte ist Trinkwasser
  • Reinigung von Wasser und Luft - z.B. durch Pflanzen und Mikroorganismen 
  • Medizin – ca. 70.000 Pflanzenarten kommen aus der „Apotheke Regenwald“
  • Kleidung – Baumwolle, Wolle, Leder, Felle/Pelz
  • Bestäubung von Pflanzen – ohne Bestäubung durch Insekten oder Fledermäuse wachsen keine oder nur kleine Früchte d.h. es gäbe auch weniger Obst und Gemüse
  • Verbreitung von Samen - Vögel, Fledermäuse und Affen spielen eine besondere Rolle bei der Verbreitung von Samen. Stirbt eine Art aus, verschwinden auch andere Tier- und Pflanzenarten und das hat fatale Folgen für das gesamte Ökosystem.
  • Bodenfruchtbarkeit – vielfältige Böden sorgen für gesunde Nahrungsmittel
  • Kreisläufe – z.B. Vögel fressen Käfer und Raupen, Marienkäfer fressen Blattläuse; fehlen die natürlichen Feinde, gerät das Ökosystem aus dem Gleichgewicht und die Schädlinge vermehren sich schnell
  • Schutz vor Umweltkatastrophen - Hochwasser oder Erdrutsche
    z.B. Mangrovenwälder an Küsten schützen vor Sturmschäden und Überschwemmung
  • Speichern von klimaschädlichem Kohlenstoff  - z.B. Regenwälder speichern 6x mehr Kohlenstoff als heimische Wälder
  • Schutz vor Krankheiten und weiteren Pandemien - 70 % aller Keime, an denen Menschen erkranken, kommen ursprünglich aus dem Tierreich. 
  • Heimat und spiritueller Ort indigener Völker – die Wälder und das Überleben der Ureinwohner ist weltweit akut bedroht

Wie bedroht ist die Biodiversität?

Rund 1 Million Tier- und Pflanzenarten sind in den nächsten Jahrzehnten vom Aussterben bedroht. Das ergibt ein Bericht des Weltbiodiversitätsrats IPBES von 2019. Viele Arten verschwinden, bevor sie überhaupt entdeckt wurden, weil deren Lebensraum durch den Menschen für immer zerstört wird. Expert:innen sprechen von einem sechsten Massenaussterben in der Geschichte der Erde. Das Tempo des globalen Artensterbens ist durch den Einfluss des Menschen um hunderte Male höher als in den letzten 10 Millionen Jahren.

Zahlreiche Ökosysteme sind ebenfalls gefährdet – mittlerweile sind 75% der Landfläche und 66% der Meeresfläche erheblich durch den Menschen geschädigt.  85% der Feuchtgebiete sind zerstört. Nur  3% der Ökosysteme gelten als ökologisch intakt – darunter Teile Amazoniens und des Kongobeckens. Lediglich 1% der Ozeane und 15% der Landflächen stehen derzeit unter Schutz.

Besonders intakte Ökosysteme findet man dort, wo indigene Gemeinschaften leben. Das zeigt eine aktuelle Studie der Vereinten Nationen.

Was bedeutet das für besonders artenreiche Ökosysteme?

Besonders betroffen vom Verlust an Biodiversität sind Regenwälder und Korallenriffe.  Die Hälfte aller Regenwälder wurden in den letzten 30 Jahren unwiederbringlich zerstört. Expert:innen warnen davor, dass bis zum Jahr 2030 nahezu alle Lebensräume der  Menschenaffen - Schimpansen, Bonobos, Gorillas und Orang-Utans - durch die Anlage von Plantagen z.B. Ölpalmen und den Bergbau verschwunden sein könnten.

Korallenriffe – die Regenwälder der Meere - zählen mit ihrer überwältigenden Artenvielfalt zu den wichtigsten und produktivsten Ökosystemen der Erde. Das größte Korallenriff – das 2300 Kilometer lange Great Barrier Reef in Australien - ist seit Jahren massiv vom Korallensterben und der Korallenbleiche betroffen. Die Hälfte der Korallen ist bereits verschwunden. Die Vereinten Nationen befürchten, dass bei einem globalen Temperaturanstieg um 1,5 Grad Celsius weltweit rund 90 % aller Korallen sterben.

Warum ist die Biodiversität bedroht?

Der Mensch und sein hoher Ressourcenverbrauch ist der Hauptgrund für den rasanten Verlust an biologischer Vielfalt weltweit, durch:

  • die Zerstörung und die Zerschneidung von Lebensraum z.B. durch Waldrodung etwa für Plantagen, Weiden oder den Bergbau
  • intensive Landwirtschaft - massiver Einsatz von Pestiziden und Dünger
  • Überfischung und Überweidung
  • Verschmutzung – z.B. Rückstände von Chemikalien aus der Produktion
  • Wilderei und Jagd
  • die Klimakrise - viele Arten können sich nicht an das veränderte Klima anpassen.
  • die Verbreitung invasiver Arten – eingeschleppte Arten verdrängen einheimische Arten

Alle Biodiversitäts-Hotspots sind durch Faktoren wie großflächige Abholzung, Brandrodung und Plantagen stark gefährdet. Gründe dafür sind u.a. der Anbau von Ölpalmen und Soja, die Anlage von Viehweiden, die große Nachfrage nach Tropenhölzern und die Ausweitung des Bergbaus. Die Ozeane werden leer gefischt und verschmutzt. Durch die Klimakrise und die höheren CO2-Einträge versauern die Gewässer.

Was hat Biodiversität mit Klimaschutz zu tun?

Der Erhalt der Biodiversität und der Klimaschutz sind die beiden größten Aufgaben unserer Zeit. Ohne den Erhalt der Biodiversität ist Klimaschutz unmöglich, weil Ökosysteme wie Wälder, Meere und Moore sehr wichtige Kohlenstoff-Speicher sind. Zerstört man diese, werden Unmengen an Kohlendioxid (CO2), Methan, und andere Treibhausgas in die Atmosphäre freigesetzt und heizen die Klimakrise weiter an. Rund 8 bis 11% des weltweiten Ausstoßes wird durch die Zerstörung tropischer Regenwälder verursacht.

Durch die Erderwärmung verschieben sich Klimazonen. Viele Tier- und Pflanzenarten können sich wegen des schnellen Tempos des Klimawandels nicht anpassen und somit langfristig nicht in ihren ursprünglichen Verbreitungsgebieten überleben. Wissenschaftler:innen befürchten, dass durch die Klimakrise zahlreiche Arten aussterben und/oder durch eingeschleppte (invasive) Arten verdrängt werden.

Was ist die Rote Liste?

Die Rote Liste bedrohter Arten der Weltnaturschutzunion IUCN beschreibt den weltweiten Zustand der Biodiversität und ist eine Grundlage zahlreicher Schutzmaßnahmen. Weltweit sind derzeit 70.000 Arten auf der Roten Liste erfasst. Man unterscheidet verschiedene Bedrohungstufen: von „nicht gefährdet“ („least concern“) über „gefährdet“ („vulnerable“) bis „vom Aussterben bedroht“ („critically endangered“) und „in freier Wildbahn ausgestorben“ („extinct in the wild“). In vielen Ländern gibt es nationale Rote Listen.

In Deutschland gelten aktuell 34% der Wirbeltiere, 34% der wirbellosen Tiere, 31% der Pflanzen und 20% der Pilze und Flechten als gefährdet oder vom Aussterben bedroht.
Europaweit sind mindestens 1677 Arten bedroht, darunter der Eisbär, der Polarfuchs, der Glattwal, der Feldhamster und über die Hälfte aller Baumarten.  Auch 10 % der europäischen Bienen- und Schmetterlingsarten sind vom Aussterben bedroht. 
Weltweit gelten aktuell 37.400 Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht – darunter jede achte Wirbeltierart. Die Zahl der gefährdeten Tierarten weltweit hat sich seit dem Jahr 2000 mehr als verdoppelt.

Wie stark eine Art bedroht ist, hängt nicht allein von der Anzahl der Exemplare ab.  Auch die Größe und der Zustand des Lebensraumes, die Fortpflanzungsrate und ihre Populationsentwicklung spielen eine wichtige Rolle.

Welche Tierarten sind vom Aussterben bedroht?

Zu den am meisten bedrohten Tierarten weltweit gehören der Amurleopard (China), der Berg-Gorilla (Ost-Afrika), das Spitzmaulnashorn (Ost- und Südafrika), der Afrikanische Waldelefant und zahlreiche Tiere auf Sumatra (Indonesien), darunter der Tapanuli-Orang-Utan , der Sumatra-Tiger und der Sumatra-Elefant. Fast ein Drittel aller Lemurenarten auf Madagaskar sind vom Aussterben bedroht wie z.B. der Mausmaki, der kleinste Primat der Welt. Und das ist nur eine kleine Auswahl des traurigen Rekords.

Grundsätzlich ist es sehr viel schwieriger nachzuweisen, dass ein Tier noch existiert, als dass es nicht mehr existiert. Den Jangtse-Flussdelfin (China) haben Wissenschaftler:innen schon lang nicht mehr gesehen, er ist wahrscheinlich ausgestorben, aber 100% weiß man es nicht.

Was hat Biodiversität mit den 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung zu tun?

Ein massiver Verlust an Biodiversität hat nicht nur ökologische, sondern auch weitreichende soziale und ökonomische Konsequenzen. Besonders indigene Völker und arme Bevölkerungsteile weltweit sind in ihrer Existenz bedroht. Die Zerstörung der Natur durch die massive Ausbeutung von Ressourcen geht zu Lasten von Milliarden Menschen im globalen Süden. Die 17 Ziele der Vereinten Nationen zur nachhaltigen Entwicklung wie z.B. die Bekämpfung von Hunger und Armut können nur erreicht werden, wenn die Biodiversität weltweit erhalten und auch für die nächsten Generationen nachhaltig genutzt wird. Das ergibt auch eine aktuelle wissenschaftliche Studie mit dem Thema „Verlust der Tierwelt in tropischen Wäldern bedroht UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung“.

Was ist der UN-Weltbiodiversitätsrat (IPBES)?

Der UN-Weltbiodiversitätsrat – Intergovernmental-Science-Policy-Platform on Biodiversity and Ecosystem Services (IPBES) - wurde 2012 mit Sitz in Bonn gegründet. Ziel war es den 130 Mitgliedsstaaten bei politischen Entscheidungsprozessen wissenschaftlich legitimierte und glaubwürdige Informationen über den Erhalt und die Nutzung von Biodiversität zu liefern. Im Jahr 2019 wurde der IPBES -Bericht zur globalen Artenvielfalt veröffentlicht, in dem u.a. auf das gegenwärtige Massenaussterben hingewiesen wird. Dieser Bericht ist in 3 Jahren mit Hilfe von 150 Expert:innen aus 50 Ländern entstanden. Diese haben rund 15.000 Studien und Berichte ausgewertet und daraus Rückschlüsse auf die Umweltveränderungen der letzten 50 Jahre gezogen. Der Bericht gibt maßgebliche Impulse für weitere Entwicklungen in Wirtschaft und Gesellschaft.

Was wird weltweit unternommen, um die Biodiversität zu erhalten?

Das wichtigste weltweite Abkommen zum Schutz der Natur ist die UN-Biodiversitäts-Konvention (Convention on Biological Diversity - CBD, die 1992 auf dem Erdgipfel in Rio de Janeiro beschlossen wurde. Inzwischen ist dieses internationale Übereinkommen von 196 Vertragsparteien unterzeichnet worden. Alle Unterzeichnerstaaten verpflichteten sich, die Bestimmungen der Konvention in nationales Recht zu übertragen und nationale Biodiversitätsstrategien zu erarbeiten. Die Mitgliedsstaaten haben sich das Ziel gesetzt, die Vielfalt des Lebens auf der Erde zu erhalten und diese Vielfalt jetzt und in Zukunft so nachhaltig zu nutzen, dass möglichst viele Menschen davon leben können.

Im Rahmen der CBD wurden zwei völkerrechtlich verbindliche Abkommen verabschiedet. Das Cartagena-Protokoll (2003) regelt den grenzüberschreitenden Verkehr von gentechnisch veränderten Organismen. Das Nagoya-Protokoll (2014), definiert einen rechtlich verbindlichen Rahmen für den Zugang zu genetischen Ressourcen und gerechtem Vorteilsausgleich.

Der "Strategische Plan für Biodiversität 2011-2020" (2010) von Aichi beinhaltet zudem fünf strategische Ziele und 20 konkrete Handlungsziele, die den Verlust an biologischer Vielfalt stoppen und diese für die nächsten Generationen sichern sollen. So sollte u.a. bis 2020 der Verlust der natürlichen Lebensräume halbiert und 17% der Landfläche und 10% der Meere unter Schutz gestellt werden.

Alle zwei Jahre werden Vertragsstaatenkonferenzen (Conference of the parties - COP) der Konvention über die biologische Vielfalt an verschiedenen Orten der Erde veranstaltet.

Weitere Instrumente zum Schutz der Biodiversität sind die Ramsar-Konvention zum Schutz der Feuchtgebiete und das Washingtoner Artenschutzabkommen (CITES), das den Handel mit gefährdeten Tieren und Pflanzen oder deren Teilen z.B. Häute, Elfenbein verbietet. Das Global environment facility (GEF) ist ein internationaler Mechanismus zur Finanzierung von Umweltschutzprojekten in Entwicklungsländern.

Was sind die Themen der nächsten Biodiversitäts-Konferenz in China 2021?

Während der 15. Biodiversitäts-Konferenz (COP15) im Oktober 2021 in China soll geregelt werden, wie die Mitgliedsstaaten die Biodiversität bis 2030 und danach schützen wollen (post-2020 global biodiversity framework (GBF). Im Zero Draft, einem Vertragsentwurf, werden unter anderem Schutzgebiete, "nature-based solutions" gegen den Klimawandel, Wildtierhandel, Umweltverschmutzung und die Rechte der Natur genannt.

Die Vision ist, bis 2050 „in Harmonie mit der Natur" zu leben. Dazu sei ein Wandel der „wirtschaftlichen, sozialen und finanziellen Systeme" nötig.

Eine besondere Rolle spielt das Ziel, bis 2030 insgesamt 30 Prozent der Erdoberfläche unter Schutz zu stellen. Knackpunkt dabei ist, was „Schutz" bedeutet und wie er durchgesetzt wird. Umweltschutz- und Menschenrechtsorganisationen warnen, dass durch das 30-Prozent-Ziel Millionen Menschen im Zeichen des Biodiversitätsschutzes ihre Lebensgrundlage verlieren und vertrieben werden könnten.

Obwohl im Zero draft die Rechte Indigener Völker und lokaler Gemeinschaften, traditionelles Wissen und die Rechte von Frauen und Mädchen genannt werden, fürchten NGOs deren Vernachlässigung.

Vor dem Hintergrund der Covid-Pandemie dürfte die Erkenntnis, dass Pandemien und Umweltzerstörung zusammenhängen, in die Verhandlungen einfließen, etwa unter dem Stichwort One-Health.

Klar ist, dass die für das Jahr 2020 gesteckten Ziele weit verfehlt wurden. Der Ausgangspunkt der Verhandlungen bis 2030 ist somit ein Misserfolg. Einige Mitgliedsstaaten zweifeln sogar den Sinn verschärfter Ziele an. Es mangele bereits an der Umsetzung und der Finanzierung der bisherigen Ziele.

Was unternimmt Deutschland zum Schutz der Biodiversität?

Die Bundesregierung verabschiedete 2007 eine Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt (NBS), die unter der Führung des Bundesumweltministeriums (BMU) mit Unterstützung des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) erarbeitet wurde. Damit kam Deutschland erst 14 Jahre nach Unterzeichnung des Übereinkommens in Rio seiner Pflicht der nationalen Umsetzung nach. Mit ca. 330 Zielen sowie rund 430 konkreten Maßnahmen deckt die Strategie alle biodiversitätsrelevanten Themen ab. Viele Ziele der NBS sollten bis 2020 erreicht werden, einige reichen bis in das Jahr 2050. Auch Deutschland hat die Idee der Hotspots aufgegriffen und definierte für die nationale Biodiversitätsstrategie u.a. 30 nationale Hotspots auf 11% der Landesfläche. Diese weisen eine besonders hohe Dichte und Vielfalt charakteristischer Arten, Populationen und Lebensräume auf.

Alle bisherigen Zwischenberichte zeigten sehr deutlich, dass die bisherigen Anstrengungen noch lange nicht ausreichen, um eine Trendwende beim Verlust der biologischen Vielfalt einzuleiten. Die Naturschutz-Offensive 2020 sollte den Umsetzungsdefiziten wirksam begegnen.

Was unternimmt die EU zum Schutz der Biodiversität?

Auch der Zwischenbericht der EU-Biodiversitätsstrategie für 2020 ergab, dass die EU-Staaten mehr unternehmen müssen, um den Verlust der biologischen Vielfalt zu stoppen. Im Mai 2020 beschloss die EU-Kommission als Teil ihres Green New Deals eine neue Biodiversitätsstrategie 2030. Diese baut auf der EU-Vogelschutzrichtlinie sowie der Habitat-Richtlinie und dem Natura-2000-Netz der Schutzgebiete auf und hat das Ziel bis 2050 alle Ökosysteme weltweit wiederherzustellen und zu schützen. Mindestens 10% des langfristigen EU-Haushalts (2021-2027) soll für den Erhalt der Biodiversität bereitgestellt werden.

Hier einige Ziele der EU-Biodiversitätsstrategie 2030:

  • Rund 30% der Landfläche und 30% Prozent der Meeresgebiete der EU sollen unter Schutz stehen, davon ein Drittel streng geschützt
  • Wiederherstellung geschädigter Ökosysteme durch rechtlich verbindliche Ziele
  • Umkehr des Rückgangs an Bestäubern
  • Reduzierung des Einsatzes von Pestiziden um 50%
  • Landschaftselemente mit großer biologischer Vielfalt auf mindestens 
    10% Prozent der landwirtschaftlichen Fläche
  • Ökologische Landwirtschaft auf mindestens 25% der landwirtschaftlichen Fläche
  • Wiederherstellung von mindestens 25.000 Flusskilometern als frei fließende Flüsse

Was ist die Kritik an der EU-Biodiversitätsstrategie?

Einige Umweltschutzorganisationen drängen auf eine schnelle Umsetzung der Biodiversitätsziele, aber vielen gehen diese noch nicht weit genug. So sind die Ziele der Biodiversitätsstrategie bisher rechtlich nicht bindend. In der EU stehen zudem z.B. Agrarsubventionen im Rahmen der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) in der Kritik, einen nötigen Wandel zu behindern. Zahlreiche Maßnahmen zum Biodiversitätsschutz werden über den Europäischen Landwirtschaftsfond finanziert. Die Effektivität der Schutzmaßnahmen hängt stark mit der Europäischen Landwirtschaft zusammen und wird von der aktuellen Agrarreform der EU beeinflusst. Diese Reform wird von Naturwissenschaftler:innen und Landwirt:innen gleichermaßen kritisiert.

Auch das Freihandelsabkommen der EU mit den Mercosur-Staaten (Mercosur-Abkommen) ist eine Bedrohung für Menschen und Umwelt. Dieses heizt die Zerstörung des Amazonas-Regenwaldes weiter an. Die Bundesregierung sollte sich für die Verabschiedung eines effektiven Lieferkettengesetzes einsetzen, das Umwelt- und Menschenrechte umfasst. Wie zielführend die Strategien der EU zum Schutz der Biodiversität sind, lässt sich erst bei der nächsten Halbzeitbilanz im Jahr 2025 bewerten.

Wurden die Ziele zum Schutz der Biodiversität weltweit bisher erreicht?

Die Weltgemeinschaft hat das Ziel, den dramatischen Arten- und Lebensraumverlust weltweit zu stoppen, bisher weit verfehlt. Keines der 20 sogenannten Biodiversitätsziele von 2011-2020 wurde vollständig erreicht. Das zeigt auch der 2019 veröffentlichte globale Bericht zum Zustand der Biodiversität. Das liegt nach Angaben der CBD vor allem an den nationalen Maßnahmen der Unterzeichnerstaaten. In weniger als einem Viertel der Staaten stehen diese im Einklang mit den Biodiversitätszielen. In der EU hat sich die Biodiversität, trotz einiger positiver Trends, sogar verschlechtert.

„Die Menschheit führt Krieg gegen die Natur“. Mit diesen Worten eröffnete der Generalsekretär der Vereinten Nationen António Guterres am 30.9.2020 den UN-Biodiversitätsgipfel in New York. Alle 150 Staaten haben sich dort für die weltweite Bedeutung des Biodiversitätsschutzes und den dazu dringend nötigen Wandel von Wirtschaft und Gesellschaft ausgesprochen. Allerdings sind das bisher nur leere Wort ohne konkrete Lösungsvorschläge. Für den Schutz der biologischen Vielfalt reicht das nicht aus – es ist mehr Verbindlichkeit notwendig.

Gibt es auch gute Nachrichten?

Aber es gibt auch kleine Hoffnungsschimmer: Einige EU-Länder haben ihre Biodiversitätspolitik verbessert. Bis zu 25 Vogel- und Säugetierarten konnten durch Naturschutzmaßnahmen seit 2010 vorläufig vor dem Aussterben gerettet werden, darunter der Papageientaucher und der europäische Biber. Auch die Rückkehr des Wolfes in Deutschland ist ein großer Erfolg für den Artenschutz, trotzdem zählt er weiterhin zu den „vom Aussterben bedrohten und „streng geschützten“ Tierarten.

Auch weltweit gibt es Erfolge im Artenschutz. Das Goldene Löwenäffchen aus Brasilien galt mit einem Bestand von unter 300 Tieren in freier Wildbahn bereits als „vom Aussterben bedroht“. Durch erfolgreiche Nachzüchtung in Zoos, der Auswilderung und der Einrichtung eines Schutzgebietes gilt das Goldene Löwenäffchen heute nur noch als „stark gefährdet“.

Was kostet der Erhalt der Biodiversität?

Rund 500 Milliarden US-Dollar jährlich werden laut dem „Dasgupta-Bericht zur Ökonomie der Biodiversität“ weltweit in die Zerstörung der Natur investiert, in Massentierhaltung, Subventionen für Erdöl und Kohle, Entwaldung und Flächenversiegelung. Dagegen werden bisher nur 78 bis 143 Milliarden Dollar - 0,1% der globalen Wirtschaftsleistung - für den Erhalt unserer Lebensgrundlagen ausgegeben. Die Kosten zur Überwindung der Biodiversitätskrise wird auf jährlich 700 Milliarden US-Dollar geschätzt. 

Doch mit Geld allein ist die Rettung der Biodiversität nicht möglich, der Mensch mit seinem exzessiven Ressourcenverbrauch ist das Hauptproblem. Knapp zwei Erden verbrauchen wir Menschen schon heute, bei derzeitigem Ressourcenverbrauch werden es 2050 mindestens drei sein. Gefragt sind hierbei vor allem die Einwohner der Industriestaaten. Denn der Großteil der Bevölkerung in den Ländern des globalen Südens lebt in Armut und verursacht meist nur einen minimalen ökologischen Fußabdruck.

Wo liegt das Problem der internationalen Abkommen?

Es bestehen gravierende Interessenkonflikte. Die Industriestaaten bestimmen die Politik der UN. Zugleich sind diese Staaten aber auch die wichtigsten Geldgeber. Deren exzessiver Rohstoff- und Energieverbrauch ist hauptverantwortlich für die weltweite Umweltzerstörung. Also diejenigen, die die Umwelt zerstören, entwickeln „Konzepte zum Schutz“ und bestimmen die Umweltpolitik. Es ist also höchst fraglich, ob dabei tatsächlich der Erhalt der Natur im Vordergrund steht und nicht eher wirtschaftliches Interesse. In jedem Fall sind ständiges Wirtschaftswachstum und zunehmender Ressourcenverbrauch nicht mit dem Erhalt der Natur vereinbar. Weiterhin gibt es keine Sanktionsmöglichkeiten, wenn das Beschlossene nicht eingehalten wird. Hilfreich wäre ein neutrales übergeordnetes Organ ohne eigene wirtschaftliche Interessen, das kontrolliert, ob Vorschriften und Ziele eingehalten werden und im Falle der Nicht-Einhaltung harte Sanktionen verhängt.

Der Inhalt solcher Konventionen, also die Ziele und Verpflichtungen, wird von den Mitgliedsstaaten beschlossen und kann von diesen durch Ratifizierung als völkerrechtlich bindend anerkannt werden. Hier liegt das Problem: Der Inhalt KANN als bindend anerkannt werden, MUSS aber nicht. Es liegt also keine verbindliche Verpflichtung vor, den festgelegten Zielen auch nachzukommen, geschweige denn, dass es Folgen für die Staaten hat, wenn die Ziele nicht erreicht werden.

Es gibt also, wie oben erwähnt, keine Kontrollen und keine Sanktionen. So passiert es immer wieder, dass einige Mitgliedsstaaten nicht dazu bereit sind, Kompromisse einzugehen. So werden die Probleme nur verschoben, aber nicht gelöst. Zudem besteht immer noch ein riesiger Unterscheid zwischen dem, was Politiker und Funktionäre sagen, und der Realität. Denn Länder wie Deutschland beispielsweise werden als Klimaschützer dargestellt und spielen die Vorreiterrolle. Dass aber auch hier weiterhin ein steigender Ressourcenverbrauch vorliegt, wird gern verschwiegen. Ebenso wie die Tatsache, dass die Bilanzen nur deshalb stimmen, weil die deutsche Schwer- und Abfallindustrie in Länder wie China, Brasilien und Indien ausgelagert wird. Diesen Ländern wird aber dann gesagt, sie müssten doch viel mehr für die Umwelt tun.

Wie kann man die Biodiversität noch schützen?

Zahlreiche Wissenschaftler:innen und NGO´s fordern einen weltweiten Wandel mit zahlreichen technologischen, ökonomischen und sozialen Veränderungen wie zum Beispiel:

  • Ausbau der ökologischen Landwirtschaft – Investitionen in die kleinbäuerliche und traditionelle Produktion durch verbesserte Anbaumethoden, geeignetes Saatgut und agrarökologische Strategien z.B. Agroforstsysteme. Kleinbauern erzeugen den Großteil aller Nahrungsmittel weltweit – mit deutlich geringeren Umweltauswirkungen!
  • Zivilgesellschaftliches Engagement - Die weltweite Fridays-for-future-Bewegung stellt konkrete Forderungen zu mehr Klimaschutz an die Politik. Klimaschutz und der Schutz von Biodiversität hängen sehr eng zusammen!
  • Nachhaltiger Städtebau – z.B. Schaffen von Grünflächen als Lebensraum für Tiere und Pflanzen in der Stadt
  • Globaler Wertewandel – Aufnahme von vielfältigen Perspektiven z.B. indigenes Wissen in Umweltschutzprogramme
  • Nachhaltige Finanzkonzepte statt ungebremst ökonomisches Wachstum

Was kann ich für den Erhalt der biologischen Vielfalt tun?

Als Verbraucher:innen haben wir durch unser Konsumverhalten einen großen Einfluss auf die Entwicklung in der Welt. Die Nachfrage nach Fleisch, Soja, Palmöl, Tropenholz, Erdöl und Papier bestimmt über die Zerstörung der Naturräume und trägt so auch zum massiven Artensterben und einem Verlust der Biodiversität bei. Aber auch der Druck auf die Politik mit Hilfe von Protesten, Petitionen und Kampagnen muss unbedingt weiter erhöht werden. Denn der Schutz der Biodiversität und des Klimas sind die größten Aufgaben unserer Zeit!

Hier gibt es weitere Tipps für den Alltag.

Hier ein aktueller Buchtipp zum Thema Biodiversität:

Was hat die Mücke je für uns getan? Endlich verstehen, was biologische Vielfalt für unser Leben bedeutet - Frauke Fischer, Hilke Oberhansberg – Oekom Verlag

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Bücher:

  • Das Ende der Evolution