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Regenwald Report 03/2011

Leben statt Öl

Der Nationalpark Yasuní in Ecuador hält den Weltrekord der Artenvielfalt. Doch im Regenwald­boden lagern große Schwerölvorkommen. Ecuador will auf die Ölförderung im ITT-Feld verzichten, wenn die Welt sich mit Geldern beteiligt. Die deutsche Bundesregierung stellt sich jedoch quer

Bäche und Flüsse sind von der Ölförderung besonders bedroht: Öl, das aus Bohrlöchern und geborstenen Pipelines austritt, verseucht die empfindlichen ÖkosystemeBäche und Flüsse sind von der Ölförderung besonders bedroht: Öl, das aus Bohr-
löchern und geborstenen Pipelines austritt, verseucht die empfindlichen Ökosysteme

Mit einer kleinen Propellermaschine fliegen wir über den Amazonasregenwald. Unser Ziel ist das Indianerdorf Sarayaku südwestlich des Yasuní Nationalparks. Schon aus 200 Metern Höhe lässt sich an den unzähligen Grüntönen, Baumblüten und Kronenformen die Vielfalt des Ökosystems erahnen. Dazwischen schlängeln sich Bäche und Flüsse. Dann werden einige Hütten sichtbar. Haarscharf fliegen wir über einen bewaldeten Hügelkamm hinweg, und dann holpert die Maschine schon über die grasbewachsene Flugpiste. Das Knattern der Motoren verstummt; Kinder laufen auf uns zu. Wir sind in einem einzigartigen Regenwaldgebiet angekommen.

An keinem anderen Ort der Erde wurden mehr Tier- und Pflanzenarten nachgewiesen. Das hat eine Gruppe von internationalen Wissenschaftlern in jahrelanger Arbeit erforscht.

„Dank seiner einmaligen Lage am Äquator im Nordwesten Amazoniens liegt Yasuní im Zentrum der reichsten biologischen Zone der westlichen Hemisphäre. Es ist die einzige Stelle, wo sich maximale Vielfalt der Amphibien, Vögel, Säugetiere und Pflanzen überschneiden“, erklärt der Biologe Dr. Matt Finer.

Die Forscher haben das „Netzwerk um Yasuní besorgter Wissenschaftler“ geschaffen und eine Kampagne und internationale Konferenzen organisiert. „Yasuní hat das einzigartige Potential die Artenvielfalt der Erde auf begrenztem Raum langfristig zu erhalten“, so Finer.

Die Regenwälder im Nordosten Ecuadors sind das Zentrum der Artenvielfalt

Sein Kollege Nigel Pitman hat die zirka 1.200 Baumarten in Yasuní erfasst. Auf einem einzigen Hektar Wald finden sich im Durchschnitt 655 Arten. In Deutschland lassen sich auf einem Waldspaziergang höchstens 40 heimische Baumarten entdecken. Mehr kommen bei uns nicht vor, und nur insgesamt etwa 100 in ganz Europa.

Dazu gibt es eine immense Vielfalt von Insekten. Sie Art für Art zu beschreiben, würde ganze Generationen von Forscherleben in Anspruch nehmen.

Doch ob die Zeit dafür zur Verfügung stehen wird, ist nicht sicher. Unter dem Urwald gibt es bedeutende Ölvorkommen. Bei deren Ausbeutung macht die Ölindustrie selbst vor den Schutzgebieten nicht halt. Von Norden her haben sich Fördertürme, Pipelines und Straßen bereits bis in den Nationalpark hineingefressen. 

90 Prozent der weltweiten Arten sind noch nicht wissenschaftlich erfasst

Die größten bisher noch unerschlossenen Reserven liegen im Feld Ispingo Tambococha Tibutini (ITT) an der Grenze zu Peru. Das 190.000 Hektar große Gebiet im äußersten Osten Yasunís ist noch völlig unberührt. Dorthin haben sich wohl auch zwei Indianergruppen zurückgezogen, die Tagaeri und die Taromenane. Als Jäger und Sammler leben sie in freiwilliger Isolation im Regenwald. Für viele der Indianer würde die geplante Ölförderung den Tod bedeuten. Die unkontaktierten Ureinwohner haben keine Antikörper gegen eingeschleppte Krankheiten wie Masern und Grippe.

Überhaupt erst ermöglicht hat die Er-schließung der Schwerölvorkommen die Westdeutsche Landesbank (West­LB). Die öffentlich-rechtliche Bank aus Düsseldorf finanzierte mit einem 900-Millionen-Dollar-Kredit den Bau der OCP-
Schwerölpipeline in Ecuador. Die 513 Kilometer lange Rohrleitung wurde von sechs internationalen Ölkonzernen gebaut. So lässt sich das Öl Yasunís quer über die Anden bis zum Exporthafen Balao am Pazifik pumpen.

Die Ölindustrie bedeutet für die unkontaktierten Indianer den Tod

Lianen streben zum Licht und klettern an den Bäumstämmen empor. Die Huaorani-Indianer leben im Regenwald und bewahren das ökologische GleichgewichtLianen streben zum Licht und
klettern an den Bäumstämmen
empor. Die Huaorani-Indianer leben
im Regenwald und bewahren das
ökologische Gleichgewicht

Schweröl ist jedoch von minderer Qualität und seine Verbrennung besonders umweltschädlich. Die Ölreserven im ITT-Feld haben zwar einen aktuellen Marktwert von zirka fünf Milliarden Euro, aber global gesehen ist das Vorkommen unbedeutend. Es würde den Ölverbrauch der Welt für lediglich zehn Tage decken.

Mittlerweile möchte die ecuadorianische Regierung sich von ihrer fatalen Abhängigkeit vom Erdöl lösen. 2007 wandte sich Präsident Rafael Correa an die Weltöffentlichkeit mit einer bahnbrechenden Initiative. Während die reichen westlichen Länder wie Kanada, Norwegen und die USA das Erdöl um jeden Preis und mit enormen Schäden für die Umwelt fördern, wolle Ecuador die Vorkommen im ITT-Feld für immer unangetastet lassen.

Die Herausforderung, die Ölfelder nicht anzubohren, ist für ein relativ kleines und armes Land wie Ecuador enorm. Umgerechnet 2,5 Milliarden Euro soll die internationale Gemeinschaft dafür als Beitrag leisten – dies entspricht 50 Prozent der Öleinnahmen für den Staat im Fall einer Förderung. Dafür soll ein Kapitalstock geschaffen werden, der von dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) verwaltet wird. 100 Millionen Euro werden dazu bis zum Jahresende gebraucht.

Die ecuadorianische Regierung will sich vom Fluch des Öls befreien

Rettet den Regenwald sieht die Weltgemeinschaft und ganz besonders Deutschland in der Verantwortung. Westliche Konzerne fördern das Öl und exportieren es in alle Länder, Banken wie die WestLB finanzieren das Geschäft. Vor allem die Industrieländer haben mit der Verbrennung der fossilen Energien die globale Klimaerwärmung verursacht – die Folgen werden in den Ländern des Südens besonders katastrophal sein. Verbleibt das Erdöl im Boden, werden gewaltige Mengen an CO2-Emissionen und daraus entstehende Folgekosten vermieden.

„Die Yasuní-ITT-Initiative braucht unbedingt internationale Spender. We­i-
ter im Herzen von Yasuní nach Öl zu bohren, wäre eine Tragödie“, meint auch der Biologe Matt Finer. Doch ausgerechnet der zuständige deutsche Entwicklungsminister Niebel weigert sich, die Initiative zu unterstützen. Er hat nicht einmal Zeit, die aus Ecuador angereisten Regierungsdelegationen zu empfangen.

 

ARTENVIELFALT IN ZAHLEN

Text
Ob Dornenbewehrte Grille Panacanthus cuspidatus, Pfeilgiftfrösche oder farbenfroher Pilz: Seine ausserordentliche Biodiversität verdankt Yasuní seiner Lage am öst­lichen Rand des Amazonasgebietes. Am Fuße der Anden stauen sich die Luftmassen und bedingen ganzjährig hohe Niederschläge. Schon während der Eiszei-ten war Yasuní Refugium für die Artenvielfalt. Auch damals war der Regenwald rundherum am Schwinden. Aufgrund der kühleren Temperaturen und niedrigeren Regenfälle hatten auf weiten Teilen des Amazonasgebietes Sa­vannen Einzug gehalten.

Artenvielfalt im Yasuní:
Vögel:     Mind. 596
Insekten:     100.000
Säugetiere:    169 – 204
Reptilien:     121
Amphibien:     150
Pflanzen:     2.704 – 4.000,
darunter 1.200 Baumarten

 

SO KÖNNEN SIE HELFEN:

Die Beteiligung Deutschlands ist lebenswichtig für die Initiative. Bitte schreiben Sie an den Minister. Sie können sich auch auf unserer Website beteiligen:
www.regenwald.org

Herrn Entwicklungsminister
Dirk Niebel, Bundesministerium
für wirtschaftliche Zusammen­arbeit und Entwicklung
Postfach 12 03 22, 53045 Bonn
Tel.: 02 28 - 9 95 35-0
Fax: 02 28 - 9 95 35-35 00
E-Mail: info@bmz.bund.de