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Regenwald Report 01/2014

Malaysia: Raubzug durch den Bundesstaat Sarawak: Frieden für den Regenwald

Die Ureinwohner vom Volk der Penan haben eine Vision: Ihre Heimat am Baram-Fluss wird zum ­Friedenspark. Ein sicherer Ort, an dem sie ihre Natur, ihr Wissen und ihre Kultur gegen die Allmacht der Regierung beschützen können. Wie dringend dieser Frieden gebraucht wird, beschreibt Lukas Straumann in seinem Buch „Raubzug auf den Regenwald“. Es geht um die Verbundenheit der Penan mit den Pflanzen und Tieren. Um ihren Kampf gegen die Holzfäller. Und darum, wie sich die Herrscherfamilie im malaysischen Bundesstaat Sarawak auf Borneo seit 50 Jahren am Naturschatz der Urvölker bereichert.

Ba Lai am Oberlauf des BaramBa Lai am Oberlauf des Baram. Fotos:  Julien Coquetin

Das weltferne Dschungeldorf Long Ajeng wird zur Kulisse einer Premierenfeier: Häuptlinge und Familien aus 18 Gemeinden sind versammelt, um mit Reden und Tänzen zu den Klängen der Baumtrommeln den „Penan Friedenspark“ einzuweihen. Das 1.630 Quadratkilometer große Gebiet umgibt die Bergkette des Gunung Murud Kecil und es gehört zu den letzten wirklichen Urwäldern im malaysischen Bundesstaat Sarawak auf Borneo.

„Wir hoffen, dass dieser Friedenspark unseren Regenwald vor der Zerstörung für die Tropenholz-Industrie, für Ölpalmplantagen und Staudämme endgültig bewahren kann“, sagt Long Ajengs Häuptling Jawa Nyipa. Das Projekt mitten im Dschungel von Sarawak ist einzigartig.

Frieden mit der Natur und den Nachbarstämmen ist Teil der Penan-Kultur

Blasrohre gegen Bulldozer: Seit 30 Jahren protestieren die Penan gegen die Zerstörung ihrer Natur und blockieren die Holzfällerstraßen. Für ihre Zukunft mit dem Regenwald riskieren sie alles.Blasrohre gegen Bulldozer: Seit 30
Jahren protestieren die Penan gegen
die Zerstörung ihrer Natur und
blockieren die Holzfällerstraßen. Für ihre
Zukunft mit dem Regenwald riskieren
sie alles.

Zum ersten Mal in ihrer langen Geschichte haben sich Penan-Gruppen zusammengeschlossen, um einen gemeinsamen Zukunftsplan zu verwirklichen: einen von ihnen selbst verwalteten Regenwaldpark. Mit dem Schutz ihrer Natur, Nutzung und Verkauf von Waldprodukten und Ökotourismus sorgen die Penan dort für ein selbstbestimmtes Leben.

Das Projekt wird gelingen. Denn während der letzten Jahrzehnte haben Sarawaks Ureinwohner gezeigt, dass sie erfolgreich kämpfen können. Friedlich bewaffnet mit ihren traditionellen Blasrohren, haben sie sich immer wieder den Abholzern entgegengestellt.

„Im März 1987 blockierten 4.700 Menschen aus 26 Penan-Dörfern die Straßen und versperrten den Holzfällern den Weg in die Wälder am Lauf des Baram und des Limbang. 200 Bulldozer und 1600 Holzarbeiter wurden monatelang aufgehalten“, so Lukas Straumann. „Mit ihren Blockaden und ihrem starken Widerstandsgeist konnten die Penan diese prächtigen Wälder schließlich vor den Motorsägen des Holzkonzerns Samling bewahren. Ihnen ist es zu verdanken, dass es heute in Sarawak außerhalb der wenigen ­Schutzgebiete immer noch intakte Urwälder gibt.“


„Picknick mit den Penan“

…heißt das Angebot, das die Penan interessierten Reisenden machen – Unterkunft, Regenwald-Trips, Bäume pflanzen und Einblicke in ihre Kultur inklusive. Angebote für Gruppenreisen finden Sie unter www.picnicwiththepenan.org oder beim Reiseportal www.adventurealternative.com/trips/view/17
Individualreisende fliegen von Miri aus nach Bario und suchen sich dort einen (Penan-)Guide, der sie z. B. ins Dorf Ba Tik bringt (2 Tagesmärsche durch den Pulong Tau Nationalpark).

 

Unter den Wäldern der Erde zählt der tropische Regenwald von Borneo zu den schönsten, ältesten und artenreichsten überhaupt. Die Kronen der Baumriesen stehen hier so dicht, dass darunter eine permanente Dämmerung herrscht, in der die Stimmen der Urwaldtiere besonders gut zu hören sind. Die Balzrufe des wilden Pfaus, das Krächzen der Nashornvögel, der gutturale Ruf von aufgescheuchten Makaken. Zehntausende Insektenarten, Hunderte von Vögeln und Dutzende verschiedene Säugetiere beleben diesen archaischen Lebensraum. Orang-Utans, Malaienbären, Baumleoparden und viele weitere scheue Kreaturen bewohnen den Dschungel. Die Wälder Borneos existieren seit Urzeiten, und seit mindestens 40.000 Jahren leben hier Menschen. Das schreibt Lukas Straumann in seinem Buch.

Sarawaks Regenwald hat Jahrmillionen überlebt – Taib zerstörte ihn in 50 Jahren

Doch auch der dichteste Dschungel ist vor macht- und geldhungrigen Politikern und Konzernen nicht sicher. Seit mehr als einem halben Jahrhundert dringen Abholzer immer tiefer in Borneos Regenwälder ein – auf „Einladung“ der Regierungen in Indonesien und Malaysia, die dort in ihren jeweiligen Provinzen bzw. Bundesstaaten großzügig – und häufig illegal – Konzessionen für Tropenholzeinschlag, Ölpalmplantagen und Staudämme vergeben.


Wald heißt Leben

Mit Wurfnetz und Blasrohr gehen die Penan auf Fischfang und Jagd.
So wie ihre Ahnen leben Sarawaks Ureinwohner auch heute: Sie nehmen nie mehr als sie brauchen. Aber die Holzfäller nehmen alles








In Malaysia agiert seit 50 Jahren ein Mann, den allein sein eigenes Wohl und das seiner Familie interessiert: Abdul Taib Mahmud, ab 1963 Minister, seit 1981 Chief Minister des Bundesstaates Sarawak auf Borneo. „Als Regierungschef, Finanzminister und Minister für natürliche Ressourcen genießt der 77-Jährige eine fast unumschränkte Macht in dem Staat, den er zum Privatbesitz seiner Familie umgebaut hat. Nur was ihm Geld bringt, darf bleiben. Deshalb muss der Urwald weichen“, so Lukas Straumann.

Der Schaden für die Natur und ihre Bewohner ist dramatisch: Sarawaks Regenwald wurde fast zur Hälfte abgeholzt, Primärwälder sind auf ein Zehntel geschrumpft. Stattdessen wuchern auf einer Million Hektar Ölpalm-Monokulturen, bis 2015 sollen es zwei oder auch drei Millionen sein. Und 2011 ging am Bakun-Fluss einer der größten Staudämme Asiens in Betrieb: 696 km2 wurden überflutet, 10.000 Regenwaldbewohner verloren ihren Lebensraum.

Taib treibt die „Entwicklung“ von Sarawak zu seinem eigenen Wohl massiv voran: Erst lässt er die wertvollen Urwaldriesen für den Export abholzen, dann wachsen auf dem verwüsteten Land riesige Ölpalmplantagen.Taib treibt die „Entwicklung“ von Sarawak
zu seinem eigenen Wohl massiv
voran: Erst lässt er die wertvollen
Urwaldriesen für den Export abholzen,
dann wachsen auf dem verwüsteten
Land riesige Ölpalmplantagen.

Wie kein anderes Urwaldvolk Sarawaks haben die Penan ihre Natur immer verteidigt. Denn als nomadische Jäger und Sammler waren sie auf seinen Reichtum an Früchten, Wildtieren und Pflanzen angewiesen. In kleinen Gruppen durchstreiften sie die Regenwälder, erkundeten Flussläufe, Bergrücken und Jagdrouten. Inzwischen sind fast alle der noch existierenden 10.000 Penan sesshaft. Der Wald aber ist auch heute ihre Quelle für Nahrung, Medizin, Hausbau und Handwerk. Und er ist ihr spiritueller Ort.

Die Penan haben gut 13.000 Wildpflanzen erforscht und sich nutzbar gemacht

Nur mündlich wurden ihre Geschichten und die Orte ihrer Ahnen überliefert. Doch seitdem sich die Taib-Regierung und ihre Handlanger der traditionellen Lebensräume der Urvölker bemächtigen, brauchen auch die Penan dringend Karten von ihrem Land. Bei dieser Aufgabe unterstützt sie seit 2002 die Schweizer Umweltorganisation Bruno Manser Fonds. Lukas Straumann: „Seitdem haben die Penan Tausende von Quadratkilometern Regenwald vermessen, Karten angefertigt und auch die Geschichte ihrer Gemeinden aufgezeichnet. Diese Fülle an kulturellen Daten ist Beweis dafür, dass die Penan ihre Wälder seit Menschengedenken genutzt haben und genau kennen. Bis 2013 konnten auf Grundlage dieser Karten sechs Landrechtsklagen über 3.600 Quadratkilometer Regenwald und Landwirtschaftsgebiet im Quellgebiet der Flüsse Baram, Tutoh und Limbang eingereicht werden. Noch haben die Gerichte in Sarawak über keine dieser Klagen entschieden.“

Auch der Penan-Friedenspark wurde bis heute nicht offiziell anerkannt. Aber er wird seit mehr als vier Jahren genutzt und beschützt.


Über den Autor

Der Schweizer Lukas Straumann ist seit 2004 Geschäftsführer des Bruno Manser Fonds in Basel (www.bmf.ch). So wie ihr Namensgeber engagiert sich die Umweltorganisation vor allem für den Schutz der letzten Regenwälder Sarawaks und ihrer Urvölker. Das Buch „Raubzug auf den Regenwald“ ist am 20. Februar 2014 erschienen und über unseren Shop erhältlich: https://www.regenwald.org/shop/product/429/2/buch-raubzug-auf-den-regenwald