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Indonesien

Rettung für Sumatras Waldelefanten

Sumatras Waldelefant Gebüsch Sie leben im dichten Tiefland-Dschungel, gehen in der Abenddämmerung kilometerweit auf Nahrungssuche, vertilgen täglich 150 Kilo Grünzeug (© Daniel Rosengren/ Alexander Moßbrucker)

Es gibt sie nur auf Indonesiens drittgrößter Insel, doch ihr Überleben hängt am seidenen Faden: Die kleinsten Mitglieder der Asiatischen Elefanten verlieren ihre Lebensräume. Sie werden gewildert und auf den Plantagen vergiftet, die einmal ihr Regenwald waren. Doch Sumatras Naturschützer machen uns Hoffnung

Yongki war der gute Geist des Waldes. Viele Jahre lang begleitete der gezähmte Elefantenbulle die Wildhüter durch den Barisan Selatan Nationalpark in Südsumatra. Gemeinsam spürten sie Wilderer und illegale Rodungen auf. Und wenn eine Gruppe seiner wild lebenden Artgenossen auf der Flucht vor Motorsägen und Waldbränden den Menschen zu nahe kam, führte Yongki sie auf sicheren Wegen aus der Gefahrenzone. Als Friedensstifter zwischen Mensch und Tier und Hüter des Waldes machte Yongki in ganz Indonesien Schlagzeilen – bis zu dem Tag, an dem seine Geschichte gewaltsam endete: Am 16. September 2016 fand man ihn tot am Rand des Parks. Vergiftet und ohne Stoßzähne. Yongki wurde nur 35 Jahre alt.

Immer wieder erreichen uns Bilder von grausam verstümmelten Sumatra-Elefanten, die wegen ihrer Stoßzähne sterben mussten. Doch Wilderei ist nur einer der Gründe für den dramatischen Rückgang der kleinsten Unterart des Asiatischen Elefanten. Weit schwerer wiegt der Verlust ihrer Lebensräume auf Indonesiens drittgrößter Insel.

Waldbauer Marhoni Waldbauer Marhoni setzt sich für Sepintuns Elefanten ein. Er vermutet, dass Plantagenarbeiter das Tier getötet haben, weil es störte (© Feri Irawan)

Innerhalb von zwei Jahrzehnten gingen 40 Prozent von Sumatras Urwäldern verloren. Zu diesem Ergebnis kamen Wissenschaftler der South Dakota State University und des indonesischen Forstministeriums anhand von Satellitenaufnahmen: Zwischen 1990 und 2010 wurden insgesamt 7,5 Millionen Hektar Regenwald vernichtet; gut ein Drittel davon waren Primärwälder.

Die Urwaldriesen fallen für Parkett und Türrahmen, für blütenweißes Papier, für Staudämme und wertvolle Bodenschätze – und vor allem für endlose Monokulturen aus Ölpalmen.Von Mai bis Dezember 2015 wurde die ganze Welt Zeuge, wie verheerende Feuer und giftiger Qualm über die indonesischen Inseln zogen und 2,6 Millionen Hektar Natur verbrannten. Vor allem auf Borneo, Sumatra und in Papua. Als Brandstifter gelangten Palmölfirmen ins Visier der Ermittler. „Sie lassen illegal Feuer legen, um ihre Plantagen vorzubereiten“, so unser Partner Feri Irawan, der auf Sumatra einige der Täter identifiziert und angezeigt hat. Allein auf Sumatra vernichteten die Feuer bis Oktober 2015 laut Indonesiens Luft- und Weltraumbehörde 800.000 Hektar, insbesondere Regen- und Torfsumpfwälder. Jambi im Inselherzen gehörte zu den drei am schlimmsten betroffenen der zehn Provinzen Sumatras. Sie ist Feri Irawans Heimat.

Wald Verlust un Bestand in Indonesien Sumatra Karte (© Brennwert)

Sumatra hat innerhalb von zwei Jahrzehnten fast die Hälfte seiner Tropenwälder verloren. Zwischen 1990 und 2010 waren es 7,5 Millionen Hektar. Laut WWF ist die Zahl der wilden Elefanten in einer Generation um die Hälfte geschrumpft

Und Heimat der Tierarten, denen die Insel ihren Namen gab: Sumatra-Elefant, -Tiger, -Orang-Utan und -Nashorn. Sie leben nur auf diesem Fleck der Erde, doch alle stehen ganz oben auf der Roten Liste für bedrohte Arten, eine Stufe vor „Ausgestorben in der Wildnis“.

„So weit darf es niemals kommen“, sagt Feri Irawan – und bricht Mitte Januar 2017 mit einem Experten-Trupp zu einer wochenlangen Dschungelexpedition auf.

Es geht um die letzten wild lebenden Elefanten Jambis – in der Provinz soll es nur noch 150 Tiere geben, von 1.724 in ganz Sumatra. Doch diese Zahl des Umweltministeriums stammt aus dem Jahr 2014. Eine aktuellere Zählung gibt es nicht. Es ist allerdings auch nicht so einfach, Waldelefanten aufzuspüren. In kleinen Gruppen von sechs bis zehn Tieren ziehen die Kühe mit den Jungtieren durch den Wald. Die Bullen sind Einzelgänger. „Wir können die Tiere oft nur anhand ihrer Spuren ausfindig machen – Fußabdrücke, Kot, gebrochene Zweige und Baumrinden“, sagt Feri Irawan.

Sumatra-Nashorn Das Sumatra-Nashorn ist die kleinste der fünf Nashornarten. Der beste Schutz für diese stark bedrohten Tiere: ihren Lebensraum geheim zu halten (© mongabay.com)

Ziel seiner Expedition ist der Wald von Sepintun, einer der letzten Primärwälder in Jambi. Hier leben die indigenen Suku Anak Dalam, die das Land, das ihnen nach traditionellem Recht gehört, nutzen und bewahren. Seit Jahren breiten sich dort Holz- und Plantagenunternehmen immer weiter aus; nur 1.500 Hektar intakter Urwald sind geblieben. Zu den Firmen gehört der staatliche Konzern ALN, der 2009 eine Konzession von 10.000 Hektar für eine Kautschukplantage erhielt – mitten im Regenwald bei Sepintun. Im März 2011 zerstörte eine Gruppe von Elefanten einige Felder und Hütten am Dorfrand; die Tiere waren offenbar vor dem Lärm der Motorsägen der Holzfäller geflohen. „Elefanten leben seit Generationen hier, genau wie wir“, erzählt Marhoni, Einwohner von Sepintun. „Doch als hier noch dichter Dschungel wuchs, sind wir ihnen nie begegnet.“ Jetzt haben viele Menschen in der Region Angst – wie überall dort, wo Wildtiere aus Not den Menschen zu nahe kommen, Hütten und Felder zerstören. Denn die Herden folgen meist ihren alten Wanderwegen, auch durch Palmöl- oder Kautschukplantagen. Immer wieder werden Elefanten deshalb von den Besitzern vergiftet oder erschossen. Die Tiere sind für sie eine Pest.

„Wir nennen die Elefanten unsere Freunde“, sagt Marhoni. Zusammen mit Feri Irawan konnte er die meisten Bewohner von Sepintun davon überzeugen, dass die wilden Elefanten eine Chance sind, den letzten Primärwald zu retten. „Die Sumatra-Elefanten stehen unter Schutz“, so Feri. „Ihr Lebensraum darf nach indonesischem Recht nicht zerstört werden.“ Wenn die Elefanten überleben, überleben auch die Urwaldriesen von Sepintun.

Das Problem: Für die Behörden und Firmen existieren die Elefanten nicht. Sie leugnen, dass es in der Region überhaupt noch Elefanten gibt.

Um sie vom Gegenteil zu überzeugen, suchten Feri, Marhoni und ein Expertenteam schon 2012 nach Beweisen – und entdeckten im tiefen Dschungel eine Gruppe von acht weiblichen Tieren. „Die Elefanten hielten sich im Konzessionsgebiet des Staatskonzerns ALN auf“, schrieb Feri in seinem Bericht an die Behörden. Zusammen mit Fotos, Videos und allen Auswertungen reiste der Aktivist aus Jambi nach Jakarta, legte die Beweise der Forstbehörde vor und erreichte einen Abholzungsstopp.

Leuser-Ökosystem Allein im Leuser-Ökosystem wurden 8.500 Pflanzenarten dokumentiert (© gbohne/CC BY-SA 2.0)

Doch der Konflikt, den der Habitatverlust zwischen Elefanten und Menschen ausgelöst hat, ist nicht vorbei. Im November 2016 entdeckte ein Waldbauer aus Sepintun am Meranti-Fluss Schädel und Knochen eines Elefanten. Der Fundort liegt am Rand der Kautschukplantage von ALN. „Wir müssen daraus leider schließen, dass die Firmen, die hier ihre Konzessionen haben, die wandernden Elefanten erschießen lassen“, sagt Feri Irawan.

Er kann nicht verstehen, warum die Behörden die Existenz der Tiere nach wie vor leugnen. Deshalb ist er jetzt erneut im Urwald unterwegs, um Beweise zu sammeln, damit der letzte Primärwald von Sepintun als Elefantenhabitat endlich unter Schutz gestellt wird. Die Zeit drängt. Feri schreibt uns, dass die Forstbehörde einen zahmen Elefantenbullen nach Sepintun verfrachtet hat, um die weibliche Gruppe, an die dort angeblich niemand glaubt, anzulocken. „Der Plan ist, die Elefanten umzusiedeln“, so Feri. „Und dann besteht die große Gefahr, dass der letzte Primärwald von Sepintun zum Kahlschlag freigegeben wird. Das wollen wir verhindern!“

In der Provinz Aceh im Norden von Sumatra wachsen die größten zusammenhängenden Regenwaldgebiete der Insel. Ihr besonderer Naturschatz ist das Leuser Ökosystem, ein 2,6 Millionen Hektar großes Mosaik aus Küstenlandschaften, Regen- und Bergwäldern, Torfmooren und Sümpfen. Die Artenvielfalt ist atemberaubend – und nirgendwo sonst auf der Erde leben Orang-Utans, Tiger, Elefanten und Nashörner im gleichen Habitat zusammen. Das Leuser-Schutzgebiet gehört zum UNESCO-Welterbe; doch das ist kein Garant für das Überleben der hochbedrohten Großtierfauna. Denn im neuen Raumordnungsplan des Gouverneurs von Aceh wird das Ökosystem nicht als Schutzgebiet aufgeführt. Mehr als eine Million Hektar sollen für Plantagen und Bergbau geopfert werden. Umweltschützer und Bevölkerung klagen seit Jahren gegen diesen Plan. Schon jetzt konnten die Schutzbestimmungen nicht verhindern, dass die Natur durch illegale Rodungen Stück für Stück zerstört wird.

Ranger der Frankfurter Zoologischen Gesellschaft Der Elefantenkot verrät, ob ein Baby oder ein Erwachsener unterwegs war – und wann. Aus den unverdauten Samen wachsen später neue Pflanzen. (Auf Spurensuche ist hier ein Ranger der Frankfurter Zoologischen Gesellschaft) (© Feri Irawan)

Ein großer Hoffnungsträger für die Natur, ihre Wildtiere und Ureinwohner ist die lokale Organisation Forum Konservasi Leuser. Sie hat ihre Wurzeln in der Gesellschaft von Aceh und in den Dorfgemeinschaften. Mit ihrem breiten Netzwerk ist es ihr nicht nur gelungen, mehrere Tausend Hektar illegaler Palmölplantagen zurückzufordern und zu renaturieren. Ihre Patrouillen stellen außerdem regelmäßig Holzfäller und Wilderer und entschärfen ihre Fallen.

Das Leuser-Schutzgebiet ist die letzte Chance für das Überleben von Sumatras letzten Elefanten, Tigern, Nashörnern und Orang-Utans.

So helfen Sie den Elefanten

Wir unterstützen die Arbeit unseres Partners Feri Irawan und seines Teams: Bestandsaufnahme der Elefanten-Population und ihrer Wanderwege als Beweis ihrer Existenz. Das Ziel: Schutzstatus des Primärwaldes als Elefanten-Habitat. Sehenswert dazu die WDR-Doku unter http://bit.ly/2jjdKUm. Spenden sammeln wir für Expedition, Kartografie, Workshops mit der Bevölkerung; Unterschriften für die Petition www.regenwald.org/petitionen/1079/

Im Leuser-Ökosystem wollen wir die Patrouillen zum Schutz der Elefanten und des Waldes unterstützen.

Spendenstichwort: Sumatra-Elefanten