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Titelthema: Ghana

China will Bergwald ausbeuten. Letzte Chance für Ghanas Naturschätze

Atewa Wald Der Atewa - Bergwald ist Teil des Upper Guinean Forest, eine der artenreichsten und zugleich bedrohtesten Regenwaldregionen der Erde (© Mauritius/John Warburton)

Der Atewa-Bergregenwald ist reich an seltenen Tieren und Pflanzen – aber auch an Bauxit. Das will die Regierung nun abbauen und hat einen Milliarden-Deal mit China vereinbart. Umweltschützer fordern einen Nationalpark – und bitten um Hilfe

Ransford Adjei war fassungslos, als er das Bildmaterial prüfte. Der Forscher vom Umweltnetzwerk A Rocha International hatte mit Zibetkatzen oder Langschwanzschuppentieren gerechnet, im Glücksfall mit einem seltenen Geoffroy-Stummelaffen. Aber dass eine Weißnackenmangabe durch den Ausschnitt ihrer Kamerafalle turnt, können Ransford Adjei und seine Kollegen kaum glauben.

Karte Atewa Wald (© Rettet den Regenwald)

Nie zuvor wurde eine Weißnackenmangabe im Osten von Ghana gesichtet. Exemplare der vom Aussterben bedrohten Affenart haben Forscher bisher nur in wenigen Waldgebieten im Westen des Landes, in der Elfenbeinküste und Burkina Faso entdeckt (lesen Sie dazu auch unser Tierporträt auf S. 11). „Die Tiere sind so selten, dass wir wohl zum ersten Mal Bilder von wild lebenden Weißnackenmangaben haben“, freut sich Andrea Dempsey von der West African Primate Conservation Action.

Der Atewa-Bergregenwald im Südosten Ghanas gehört zu den Naturschönheiten Westafrikas. Seine tropischen Ökosysteme beherbergen einen ganz besonderen Artenreichtum: Immergrüner Dschungel mit acht Meter hohen Baumfarnen, Sumpf- und Flusslandschaften als Refugium für Tiere und Pflanzen, die es nur noch selten auf dem Kontinent gibt; oder die ausschließlich im Atewa-Wald leben.

Bauxit-Tagebau Der Bauxit-Abbau zerstört nicht nur den Wald. Die Verarbeitung zu Aluminium ­vergiftet Luft, Böden und Gewässer (© Langbein & Partner)

Der Bergwald ist auch ein Geschenk für die Menschen: Seine Quellen versorgen fünf Millionen mit Trinkwasser. Den Waldbewohnern schenkt er Nahrung, Medizin, Material für den Hausbau. Und er schützt sie vor Überschwemmungen und Dürre.

Der Nationalpark war beschlossen. Dann kam die neue Regierung…

Doch unglücklicherweise finden sich die Naturschätze nicht nur zwischen Himmel und Erde, sondern auch im Boden: Atewa ist reich an Bauxit. Und das will die Regierung intensiv fördern und vermarkten – obwohl die 260 Quadratkilometer umfassende „Atewa Range Forest Reserve“ offiziell ein Schutzgebiet ist.

Weissnackenmangabe Kann die Entdeckung der vom Aussterben bedrohten Weißnackenmangabe helfen, den Atewa-Wald für immer zu schützen? (© Rod Williams/Naturepl.com)

„Die sensationelle Entdeckung der Weißnackenmangabe wird unsere Kampagne zur Rettung des Atewa-Waldes stärken.“ Davon ist Daryl Bosu fest überzeugt. Der stellvertretende Ghana-Direktor von A Rocha International kämpft seit mehr als vier Jahren darum, dass die Regierung Atewa zum Nationalpark erklärt und jegliche Ausbeutung untersagt.

Unterschreiben Sie unsere Petition

Unterstützen Sie unsere Petition und fordern Sie Ghanas Regierung auf, den Atewa-Wald zum Nationalpark zu erklären und ihn vor jeglicher Ausbeutung zu schützen. Schreiben Sie direkt an die Botschaft der Republik Ghana:

Frau Botschafterin
Gina Ama Blay
Stavangerstr. 17
10439 Berlin

oder machen Sie online mit:
www.regenwald.org/petitionen

„Wir waren fast am Ziel“, sagt Bosu. „Mit Unterstützung von Naturschützern aus aller Welt, auch von Rettet den Regenwald, konnten wir die damalige Regierung von Präsident John Dramani Mahama vom Wert unserer Wälder überzeugen – mehrere Genehmigungen zur Bauxit-Förderung wurden zurückgezogen. Kurz vor den Neuwahlen im November 2016 war die Regierung bereit, Atewa zum Nationalpark zu erklären. Jetzt sind wir mit unserer Kampagne wieder genau dort, wo wir 2013 begonnen haben.“

Alle Verhandlungen finden hinter verschlossenen Türen statt

Seit Januar 2017 ist eine neue Regierung im Amt. Und sie ist, so Daryl Bosu, hartnäckiger und entschlossener als ihre Vorgängerin, die Bodenschätze zu Geld zu machen. „Präsident Nana Akufo-Addo von der New Patriotic Party (NPP) hat vor der Wahl zu viele politische und wirtschaftliche Versprechen gemacht. Und der Bauxit-Deal mit China soll ihm nun helfen, sie zu erfüllen.“

Leopardfrosch-Ghana Rennender Leopardfrosch heißt ­dieser Geselle bei den Einheimischen. Wegen seines Outfits – und weil er auf langen Beinen nicht springt, sondern rennt. Klettern kann er auch. Der Riedfrosch ­Kassina arboricola gehört zu den 32 ­Amphibien-Arten im Atewa-Wa (© Mauritius/Piotr Naskrecki)

Von dem Geschäft haben die Naturschützer und die Bevölkerung nur aus den Medien erfahren. So zitiert das Ghanaische Joy Online-Portal im Juli 2017 Vizepräsident Mahamudu Bawumia, dass die beiden Länder eine 15-Milliarden-Dollar-Vereinbarung für Infrastruktur-Projekte unterzeichnet haben. Davon investiert die Eisenbahngesellschaft China Railway International Group 10 Milliarden Dollar in die Bauxit-Industrie.

Große Bedeutung für Westafrika

Das Atewa-Reservat erstreckt sich im Südosten Ghanas über 2.600 Quadratkilometer und gehört zu den größten zusammenhängenden intakten Tropenwaldgebieten Westafrikas. Atewa ist ein Mosaik aus tropischem Bergwald mit klaren Quellen und Flüssen, Hochplateaus, Grasland und Sumpfgebieten. Groß ist der Reichtum an Tier- und Pflanzenarten; viele von ihnen sind endemisch, einige stark bedroht.
Pflanzen: Mit mehr als 650 Gefäßpflanzen-Arten hält Atewa in Ghana den Rekord. Dazu gehören allein 323 Baumarten. Schmetterlinge: Mehr als 570 Arten wurden im Atewa-Wald bisher gezählt. Dazu gehört der Mylothris atewa, ein großer, langsam fliegender Schmetterling, der nirgends sonst auf der Erde entdeckt wurde. Säugetiere: Zu den rund 40 Arten gehören sechs Primaten – drei von ihnen sind stark bedroht: Weißnackenmangabe, Geoffroy-Stummelaffe und Grüner Stummelaffe. Vögel: Der Atewa-Bergwald gehört mit mehr als 150 Arten zu den bedeutendsten Vogelhabitaten Afrikas. Zu den seltenen Arten zählen z. B. der Braunwangenhornvogel (Bycanistes cylindricus) und der Singvogel Nimba Trauerschnäpper (Melaenornis annamarulae). Auch bei den Heuschrecken ist Atewa in ganz Afrika mit 61 Arten die Nummer eins. Und zu den 40 bis 50 Amphibienarten gehört der inzwischen vom Aussterben bedrohte Conraua derooi – die weltweit größte Population dieses 8 cm großen Frosches lebt in den Flussgebieten des Atewa-Bergwaldes.

„Wir haben jede Menge Bodenschätze“, jubelt Bawumias Wirtschaftsberater Gideon Boako in den Medien. „Ghana besitzt 960 Millionen Tonnen Bauxit-Vorkommen im Wert von 460 Milliarden Dollar. Wir werden Raffinerien und Eisenbahntrassen bauen, um Bauxit und alles andere zu transportieren.“

Umweltschützer in aller Welt und Ghanas Bevölkerung sind besorgt. „Unsere geschützten Wälder werden in Bergbauwüsten verwandelt und die rote Schlacke aus den Aluminium-Raffinerien wird Böden und Gewässer vergiften“, sagt Daryl Bosu.

Grashüpfer, getarnt (© Piotr Naskrecki)

„Die Regierung verschachert unsere Wälder – ohne Rücksicht auf die unbezahlbaren Naturressourcen, von denen wir leben.“

Konkrete Informationen über den aktuellen Stand des Abkommens erhält die Bevölkerung nicht, alles findet hinter verschlossenen Türen statt. „Wir wissen nur, dass chinesische Experten bereits den Atewa-Wald erkundet haben“, so Daryl Bosu. „Das dürfte gar nicht passieren, denn der Deal muss erst geprüft und genehmigt werden, bevor irgendwelche Aktionen stattfinden.“


Atewas Artenvielfalt ist wertvoller als jeder Bodenschatz



Nach der Entdeckung der seltenen Weißnackenmangabe im Atewa-Wald hat sich auch die Weltnaturschutzunion IUCN zu Wort gemeldet. In einem Brief an Präsident Nana Akufo-Addo fordert der IUCN Primaten-Experte Russ Mittermeier die Regierung auf, dem Abkommen zur Biologischen Vielfalt, dem Ghana zugestimmt hat, und den nationalen Zielen zur nachhaltigen Entwicklung des Landes Vorrang zu geben. Und die Bergbaupläne ein für allemal aufzugeben und Atewa zum Nationalpark zu erklären.

Collage Atewa Wald Tarnung als Schutz: die Heuschrecke macht auf Flechte, der Falter geht als welkes Blatt durch. Der Skorpion schreckt lieber knallblau ab. Früchte und Wurzeln der Kardamom-Pflanze sind Medizin und Gewürz. Ransford Adjei inspiziert die Kamera (© Piotr Naskrecki)

„Vielleicht finden wir dort neben Weißnackenmangaben noch mehr bisher unentdeckte Arten“, hofft Daryl Bosu. „Kein Dollar aus dem Bauxit-Handel kann den Wert ausgleichen, den der Atewa-Berg-regenwald für uns und alle Generationen nach uns darstellt. Bitte unterstützen Sie unsere Petition, Atewa Forest zum Nationalpark zu erklären.“