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Regenwald Report 02/2020

Das Virus und die Krise der Natur

Schuppentier in einem Käfig im Riau Natural Resource Conservation Centre, Indonesien. Kein Säugetier wird häufiger geschmuggelt als das Pangolin. Auch auf Wildtiermärkten wird das Schuppentier verkauft, dessen Fleisch als Delikatesse gilt. (© Arief Budi Kusuma/shutterstock.com)

Die Covid-19-Pandemie ist vom Menschen gemacht. Weil wir die Natur plündern, Wälder abholzen und uns in verhängnisvolle Nähe zu Wildtieren begeben, können sich tödliche Krankheitserreger immer einfacher und schneller ausbreiten. Wir müssen die Natur bewahren und den Artenschwund stoppen, sonst ist die nächste Pandemie nahezu programmiert.

Es besteht kaum ein Zweifel, woher COVID-19 stammt. Der Wildtiermarkt „Huanan Seafood Market“ in Wuhan, wo lebendige Tiere gehandelt wurden, war Ausgangspunkt der tödlichen Viruserkrankung. Zibetkatzen, Stachelschweine, Bambusratten, Pangoline, Salamander, Schlangen - Tiere zahlreicher Arten wurden dort in engen Käfigen zum Kauf angeboten, die hygienischen Zustände waren himmelschreiend. „Wet markets“ heißen solche Orte nicht allein, weil dort nasser Fisch verkauft wird, sondern weil sich dort eine Mischung aus Blut, Kot und anderen Flüssigkeiten über den Boden ergießt. Nirgends können sich Menschen einfacher mit Viren, Bakterien, Pilzen und Parasiten infizieren als hier.

Genstudien deuten darauf hin, dass ein Pangolin das Coronavirus an COVID-19-Patient Null weitergegeben hat. Ur-sprünglich stammt das Virus jedoch von Fledermäusen, die eine Vielzahl von Erregern in sich tragen, ohne selbst zu erkranken. Das Pangolin triff freilich keine Schuld - es wurde in seine Rolle als Zwischenwirt gezwungen. Das vom Aussterben bedrohte Schuppentier wird häufiger von Kriminellen geschmuggelt als jedes andere Säugetier. Sein Fleisch gilt in einigen asiatischen Ländern der Mittelklasse als teure Delikatesse. Den Schuppen wird Heilwirkung zugesprochen, weshalb sie in der traditionellen Chinesischen Medizin eingesetzt werden. Die Entstehungsgeschichte von COVID-19 ist für Experten nichts Neues: Bereits für die SARS-Epidemie zwischen den Jahren 2002 und 2003 war ein chinesischer Wildtiermarkt der Ausgangspunkt. Damals sind Coronaviren von gezüchteten Zibetkatzen auf den Menschen übergesprungen. Weitere tödliche Krankheiten wie MERS, Aids und Ebola stammen ebenfalls ursprünglich von Tieren. Das trifft Wissenschaftlern zufolge auf 60 Prozent aller Infektionskrankheiten zu, 70 Prozent dieser sogenannten Zoonosen stammen von Wildtieren. 

Wildtiermarkt Wildtiermärkte stellen ein großes Risiko dar: Sie können zur Ausrottung von Tierarten beitragen und Brutstätte von tödlichen Krankheiten sein. (© Sony Herdiana/shutterstock.com)

Verbot von Wildtiermärkten

Umweltschützer und Mediziner fordern daher seit Jahren die Schließung von Wildtiermärkten weltweit. Darüber hinaus muss der Konsum von Bushmeat, also dem Fleisch etwa von Fledertieren, Antilopen und Affen, eingedämmt werden. Jäger, Händler, Köche und Kunden können mit dem Blut der Tiere in Kontakt kommen und sich infizieren. Bisher verhallten alle Warnungen ungehört, jetzt nimmt der Druck gewaltig zu (siehe Kasten mit Petition).

Verbote genügen freilich nicht, wichtig ist eine Änderung der Ernährungsweise. Was Tradition war, kulturell verankert, oder zum Statussymbol wurde, muss womöglich aufgegeben werden. Nötig ist zudem, alternative Proteinquellen zu erschließen, nicht allein für ärmere Bevölkerungsgruppen.

Märkte zu, kein Wildtier auf dem Teller - Gefahr gebannt? Das greift zu kurz. Viel zu kurz. Wet markets und Bushmeat sind gewissermaßen nur die Spitze des Eisbergs. Wir beschwören weitere, womöglich schlimmere Pandemien herauf, weil wir die Natur in nie gekanntem Ausmaß zerstören. Weil wir Wälder roden, das Klima ruinieren und ein einzigartiges Artensterben verursachen, können sich Erreger stärker ausbreiten als jemals zuvor. COVID-19 ist vom Menschen gemacht – die nächste Pandemie ist es womöglich auch, wenn wir weitermachen wie bisher.

„Der Verlust der Artenvielfalt wird ein großer Treiber beim Auftauchen dieser Viren“, sagt etwa die Exekutivdirektorin der UN-Konvention über Biodiversität, Elizabeth Maruma Mrema. 

„Großflächige Entwaldung, Degradierung und Zerschneidung von Lebensräumen, Intensivierung der Landwirtschaft, unsere Ernährungsweise, Handel mit Tieren und Pflanzen, menschengemachter Klimawandel – all diese sind Treiber des Verlusts der Artenvielfalt und Treiber von neuen Krankheiten.“

Unterschreiben Sie unsere Petitionen

Wildtiermärkte verbieten

Wildtiermärkte sind Brutplatz für Krankheiten, die auch für Menschen tödlich sein können. Sie tragen darüber hinaus zum Massenaussterben von Arten bei. Solche Märkte müssen daher weltweit geschlossen werden. Bitte unterstützen Sie unsere Petition an die UN.

Unterzeichnen Sie unsere Petition: 
www.regenwald.org/rr015

Holzfäller in Nigeria Ein Holzfäller zerlegt einen Palisander-Stamm. In vielen Ländern wurden Wälder bereits großflächig zerstört. (© Mathias Rittgerott)

Wir zerstören den natürlichen Schutz

In intakten  Ökosystemen verhindert die Vielzahl von Tierarten die Ausbreitung von Viren. Man kann sich das wie bei einer Gesichtsmaske vorstellen, die wirksam vor Ansteckung schützt: Viren schaffen es kaum durch das dichte Gewebe. Sterben Spezies aus, bekommt dieses Netz Löcher und die Chancen steigen, dass sich Erreger ausbreiten. Ein ähnlicher Effekt wird dem Klimawandel zugeschrieben: Stabile Ökosysteme geraten durcheinander, Krankheitserreger können davon profitieren. Mit der Verschiebung von Klima-zonen wandern auch Pathogene dorthin, wo sie zuvor nicht vorkamen.

Durch die Zerstörung der Wälder ändert sich auch das Gefüge der dort lebenden Arten. Die Population kleiner Säugetiere mag geradezu explodieren, werden ihre Fressfeinde ausgelöscht. Tiere, die sich in heiler Natur niemals begegnen, werden in kleinen Waldgebieten zusammengedrängt. Für Krankheitserreger werden die Karten neu gemischt – sie können mutieren, neue Wirte infizieren.

Mit dem Vordringen in abgelegene Wälder überschneiden sich die Lebensräume von Menschen und Tieren immer stärker. Wir kommen uns – und damit bisher unbekannten Erregern – gefährlich nahe. Verlieren etwa Fledermäuse ihren Lebensraum in den Wäldern, finden sie womöglich in Obstgärten der Dörfer neue Nischen. Lassen sie angefressene Früchte oder Exkremente fallen, können sich Haustiere oder Menschen infizieren. Erst recht, wenn die Wildtiere gejagt und gegessen werden. 

Ein Lkw fährt durch eine Palmöl-Plantage in Liberia Wo einst dichter Regenwald wuchs, breiten sich Palmölplantagen aus. Das Rückgrat der Umweltzerstörung sind Straßen (© Mathias Rittgerott)

95% der Rodungen in Straßennähe

Straßen spielen bei dieser verhängnisvollen Entwicklung eine bedeutende Rolle. Umweltschützer sehen im Bau von Straßen in unberührte Wälder das Öffnen von Pandoras Büchse der Umweltzerstörungen. In den Tropen finden 95 Prozent aller Rodungen in weniger als fünf Kilometern Entfernung zu Straßen statt. Bis zum Jahr 2050 werden weitere 25 Millionen Kilometer asphaltierte Straßen gebaut. Straßen erschließen Räume für neue Siedlungen, Plantagen, Minen. Sie locken Wilderer und Goldsucher an. Damit sind sie gewissermaßen eine Einladungskarte für Krankheitserreger, aus den Wäldern zu kommen – zu uns Menschen.

Hinter der Regenwaldzerstörung steht häufig die Nachfrage nach landwirtschaftlichen Produkten und Rohstoffen,  vor allem in Europa. Brasiliens Cerrado  wird für Sojaäcker zerstört, die Futter für Rinder in der EU liefern. Indonesiens Wälder werden gerodet, damit auf den Flächen Palmöl für Europas Biosprit gewonnen werden kann. Die Globalisierung hat die entferntesten Winkel der Welt zusammengebracht.

Das Auswachsen von örtlich beschränkten Epidemien zu globalen Pandemien hat sicherlich mit der stark gestiegenen Mobilität zu tun: Heute auf einem Markt in Wuhan und morgen auf dem Alexanderplatz in Berlin zu sein, ist für den Menschen kein Problem – und für Viren auch nicht. Man muss nicht selbst in den Dschungel gehen, um sich in Gefahr zu begeben, es genügt der Besuch bei den Enkeln, der Skiurlaub in Tirol, der Einkauf im Supermarkt.

Schweinehaltung in Massentierhaltung Seuchen können dort ausbrechen, wo Tiere auf engstem Raum zusammengepfercht werden. Möglich, dass die nächste Pandemie in Europa ihren Anfang nimmt. (© agnormark/istockphoto.com)

Pulverfass Massentierhaltung

Dort ist die Fleischtheke freilich allein deshalb gut und billig gefüllt, weil in Mastbetrieben ungezählte Millionen Rinder, Schweine und Geflügel gehalten werden. In Massen und eng beieinander. Kein Wunder, dass auch unter domestizierten Tieren neue Infektionskrankheiten entstehen. So nahm 1918 die Spanische Grippe, die bis zu 50 Millionen Menschenleben forderte, in Schweine- oder Geflügelställen der USA ihren Anfang. 2009 lösten Influenzaviren die Schweinegrippe aus. Wir haben es schlicht Glück zu verdanken, dass in der jüngsten Vergangenheit nicht Millionen Menschen aufgrund unserer Essgewohnheiten dahingerafft wurden. Es gibt allerdings keine Garantie, dass das auch in Zukunft so ist.

Viele verstehen COVID-19 als „Weckruf der Natur“. Nach der Pandemie, dem Ende von Social Distancing und Maskenpflicht, darf es kein „Zurück zur Normalität“ geben. Das höchste Gut ist nicht das Wirtschaftswachstum, sondern die Gesundheit der Menschen und die Bewahrung der Natur.  

Gewässer im Amazonasregenwald Eine intakte Natur ist der beste Schutz vor neuen Krankheiten. Die Vielzahl der Tierarten hält Erreger in Schach. (© CIFOR)

Helfen Sie mit

Menschenaffen schützen

Menschen holen nicht nur Erreger aus den Wäldern, sie tragen auch Pathogene hinein: Insbesondere Gorillas, Schimpansen, Bonobos und Orang-Utans sind in Gefahr, wegen ihrer genetisch engen Verwandtschaft zum Menschen infiziert zu werden. Selbst für uns harmlos verlaufende Krankheiten können für sie tödlich enden.

Alle Menschenaffenarten sind bereits heute wegen der Zerstörung ihrer Lebensräume vom Aussterben bedroht. Eine ausgedehnte Krankheitswelle kann ihre Ausrottung besiegeln.

Bei COVID-19 ist zwar bisher kein Fall unter Menschenaffen bekannt, Primatologen etwa der Wild Chimpanzee Foundation, einem engen Partner von Rettet den Regenwald, sind jedoch alarmiert. Die Pandemie macht einmal mehr deutlich, wie wichtig Schutzgebiete sind, damit sich Menschen und Primaten nicht zu nahe kommen.

www.regenwald.org/rr016