zurück zur Übersicht
Regenwald Report 02/2020

Kahlschlag für Palmöl

Abholzung für Palmölplantage von PT Digoel Agri in Papua Eine viertel Million Hektar Wald werden in Papua für die größte Ölpalmplantage der Welt vernichtet (© Pusaka)

Schockierende Nachrichten aus Papua: 280.000 Hektar Wald sind für den Kahlschlag freigegeben. Das Tanah-Merah-Projekt ist ein brutaler Angriff auf die letzten zusammenhängenden großen Regenwälder Südostasiens. Hier soll die größte Ölpalmplantage der Welt entstehen.

Dies war unser Wald. Der Wald ist unser Leben. Er gibt uns alles, wie eine Mutter: Nahrung und Trinkwasser, das Sago der Sagopalme, auch Rattan und Holz. Hier haben wir Wildschweine gejagt und Fische gefangen.“ Mikael Felix Mamon blickt mit leeren Augen über die unzähligen Ölpalmsetzlinge vor ihm. Wo vor einem Jahr noch mächtiger Primärwald war, stehen heute die kleinen Setzlinge in Reih und Glied – bis zum Horizont.

„Wenn wir sehen, wie sie die Bäume fällen, versinken wir in Trauer. Es ist, als ob uns der Himmel auf den Kopf fällt.“ Mikael schildert, wie weit und beschwerlich es jetzt ist, zu einer Wasserquelle zu kommen. Wie unglaublich heiß und anstrengend der Weg durch den Kahlschlag geworden ist, nicht zu vergleichen mit dem Weg von früher im Schatten der Baumkronen.

Eines der letzten Paradiese

Mikael stammt aus dem Dorf Anggai, weit im Osten von Papua, dem indonesischen Teil der Insel Neuguinea. Hier ist eines der letzten Paradiese unserer Erde, in dessen ausgedehnten Wäldern prächtig gefiederte Paradiesvögel und Baumkängurus leben. Doch das Paradies wird in diesem Moment zerstört.

Das Dorf Anggai liegt in Tanah Merah (Distrikt Boven Digoel) am Oberlauf des Digoel-Flusses - weit von der Zivilisation entfernt. Hierher verbannten die holländischen Kolonialherren einst politische Gefangene mit nur geringer Hoffnung auf Heimkehr. Der Name des Distrikts erinnert bis heute an die Holländer. Ansonsten ist Boven Digoel für die Indonesier gefühlt so weit entfernt wie der Mond.

Auf dem Digoel-Fluss, mit 525 Kilometern so lang wie der Main, braucht man mit dem Boot oft Tage bis nach Tanah Merah. Mit dem Motorrad oder einem Geländewagen geht es auf der Schlammpiste kaum schneller. Noch weiter entfernt ist der nächste Flughafen. Er liegt an der Mündung des Digoel.

Die indigenen Auyu in ihren kleinen Siedlungen mitten im Wald leben bis heute vom Jagen und Sammeln. Allein sind sie aber schon lange nicht mehr. Eine koreanisch-indonesische Firma besitzt in Tanah Merah seit Jahren ein Sägewerk und eine Sperrholzfabrik. Migranten von anderen indonesischen Inseln betreiben Handel und ein bisschen Landwirtschaft. Überall ist Militär stationiert, denn seit Indonesien sich vor 50 Jahren Papua einverleibt hat, bekämpft man mutmaßliche Separatisten.

Unberührtes und unerforschtes Land

Bis heute sind Tier- und Pflanzenwelt Boven Digoels so gut wie unerforscht. Dreißig Fischspezies sind im Fluss Digoel bisher beschrieben worden. Doch über den Wald weiß die Wissenschaft fast nichts.

Die Gier nach Papuas Wald und Land eskaliert seit 2010, weil die Nachfrage nach Palmöl für Biodiesel boomt. Hunderte von Genehmigungen zur Rodung von mehr als vier Millionen Hektar Wald (einer Fläche, größer als Baden-Württemberg) wurden vergeben. Mindestens eine Million Hektar Wald sind bereits vernichtet. Boven Digoel blieb vorerst verschont. Zu weit entfernt, fehlende Infrastruktur, undurchdringliche Wälder.

Der Wald scheint verloren

„Unser Wald gehört jetzt der Firma Digoel Agri,“ sagt Mikael resigniert. Vor einigen Jahren kamen Geschäftsleute aus Malaysia und Indonesien und verteilten großzügig Geld. Die Auyu witterten Gefahr. Das konnte nichts Gutes bedeuten, aber niemand wusste etwas.

Palmöl und Logging nehmen zu

Gier nach Palmöl rückt Papua in den Fokus

Der Begriff Papua bezeichnet den westlichen, zu Indonesien gehörenden Teil der Insel Neuguinea. Neuguinea selbst ist die zweitgrößte Insel der Welt.

Papua, mit 424.500 Quadratkilometern etwa so groß wie Schweden, war noch vor 20 Jahren zu vier Fünfteln von Wäldern bedeckt. Mit der Jahrtausendwende wurde Papua zur „neuen Front“ der Holzmafia. Bis zu 90% des bisherigen Holzeinschlags waren illegal. Bis 2010 hatte Papua nur wenige Ölpalmplantagen. Erst mit dem Biodieselboom richtete sich das Augenmerk auf die ausgedehnten und dünn besiedelten Wälder. Laut Planungen sollen auf 7 Millionen Hektar Ölpalmplantagen entstehen, alle in Waldgebieten.

Die gezielte Zerstörung der Wälder geht rasant voran. Man geht davon aus, dass mindestens 1,3 Millionen Hektar Plantagen zwischen 2015 und 2020 entstanden sind, wahrscheinlich sind es aber noch viel mehr. Das größte staatliche Zerstörungs-Projekt ist MIFEE (Merauke Integrated Food and Energy Estate), für das seither mehr als 1 Million Hektar abgeholzt und mit Ölpalmen bepflanzt worden sind. Schätzungsweise 114 Palmölfirmen agieren heute in Papua.

Karte Papua (© Rettet den Regenwald e.V.)

Manche Auyu weigerten sich standhaft, mit den Firmen zu verhandeln und leere Papierseiten zu unterschreiben. Andere versuchten, das Beste aus der Situation zu machen. Sie verlangten den Bau von Schulen und Krankenstationen, in der Hoffnung auf Bildung, Gesundheit und ein besseres Leben. Jetzt halten sie wertlose Verträge in den Händen.

Pusaka ist ein lokaler Partner von Rettet den Regenwald. Die Organisation hat für Journalisten des „Gecko Projects“

und des Umweltportals Mongabay aufgedeckt, wie die Genehmigungen für das Tanah-Merah-Projekt immer wieder 

den Besitzer wechselten. So hat zum Beispiel ein Lokalpolitiker, während er selbst wegen Korruption im Gefängnis saß, einer obskuren Briefkastenfirma die Genehmigung für eine neue Ölpalmplantage erteilt.

Mehr als eine viertel Million Hektar groß soll das Tanah-Merah-Projekt werden, dreimal so groß wie Berlin. Wo heute noch artenreiche und dichte Regenwälder stehen, soll die größte Ölpalmplantage der Welt entstehen. Zuletzt erwarb der Konzern Digoel Agri die Konzession. Digoel Agri gehört einem milliardenschweren indonesischen Geschäftsmann und Politiker. Was seine Absichten sind und wer oder was wirklich hinter der Attacke auf den Wald Papuas steckt, ist noch unklar.

Es bleibt völlig undurchschaubar, wie und zu welchem Zweck die 280.000 Hektar die Besitzer wechselten. Es bleibt auch unbegreiflich, wie ein inhaftierter Lokalpolitiker intakten Primärwald in dieser Größenordnung für Palmöl opfern kann. Es ist zudem unmenschlich, wie die verschiedenen Firmen die indigenen Auyu austricksen und verunsichern. Schon herrschen bei ihnen Zwietracht und Misstrauen bis in die Familien hinein.

2019 kamen schließlich die Bulldozer. 200 Hektar Wald sind jetzt kahl geschlagen. Eine Sperrholzfabrik ist gebaut worden und wartet auf das Tropenholz. „Für unsere Kinder und Enkel bleibt nichts“, das ist Mikaels größte Sorge.

Hotspot der Artenvielfalt

Papua: Unerforschtes Paradies 

In Papua wachsen die letzten großen Regenwälder Südostasiens. Viele weitere Ökosysteme wie Hochgebirge, Sümpfe und Savannen ermöglichen einen außergewöhnlichen Artenreichtum. Doch Flora und Fauna Papuas verschwinden vor unseren Augen, bevor wir sie überhaupt kennen. 

Papua ist, mit 25.000 zumeist unerforschten Pflanzenarten, ein ökologischer Hotspot unserer Erde. Die Pflanzenwelt ähnelt der Flora Ozeaniens, die meisten Arten (55 Prozent) sind jedoch endemisch. Andere zeigen Einflüsse der Nachbarregionen, wie die Kasuarinen oder die für die Ernährung wichtige Sagopalme. Die meisten Säugetiere sind Beuteltiere. Hier leben die Kängurus auf den Bäumen. Papua ist auch Heimat Eier legender Säugetiere wie dem Langschnabeligel. Der große Laufvogel Kasuar besticht durch seine tiefschwarzen Federn und der Paradiesvogel durch seine Schönheit. 

Collage Artenvielfalt Papua (© CraigRJD & feathercollector / istockphoto.com)

Aktiv werden! Helfen Sie mit

Hilfe für Aktivisten in Papua

„Internationale Aufmerksamkeit kann das Tanah-Merah-Projekt stoppen!“, hofft Franky Samperante. „Die Welt muss verstehen, wie wichtig Papua für die Artenvielfalt und das Klima ist.“

40.000 Jahre haben die Ureinwohner Papuas die Gaben des Waldes genutzt und ihn dabei bewahrt. Jetzt drohen ihre einzigartigen Kulturen unterzugehen, weil der Wald für Tropenholz und Mega-Landwirtschaftsprojekte in rasantem Tempo abgeholzt wird. Hunderttausende Hektar Regenwald wurden bereits gerodet – gegen den Widerstand der indigenen Waldbewohner.

Franky Samperante hat 2001 die Organisation Pusaka gegründet. Pusaka-Aktivisten sind vor Ort in Merauke, Boven Digoel und überall dort, wo die Wälder in Gefahr sind.

www.regenwald.org/rr014