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Regenwald Report 03/2021

Die Regenwälder verlieren ihre tierischen Förster

Waldelefant-Afrika Afrikanische Waldelefanten: Forscher schätzen, dass fast 30 Prozent aller Regenwald-Riesen in Afrika von Waldelefanten „gepflanzt“ werden (© dsg-photo/CC BY-SA 3.0)

Das Artensterben ist alarmierend. Der Verlust der Biodiversität, vor allem der Tierwelt in den Tropen, hat ernste globale Folgen: für die Ernährung und Gesundheit, für das Klima – für den natürlichen Reichtum der Erde. Welche dramatischen Auswirkungen „leere Wälder“ auf die UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung haben, enthüllt eine neue Studie.

Mitte März 2021 läuteten bei Ben Okita Ouma alle Alarmglocken. Er ist in Kenia Leiter der Elefanten-Fachgruppe der Weltnaturschutzunion (IUCN). Grund seiner Besorgnis: Die Zahl der Afrikanischen Waldelefanten ist in den vergangenen 30 Jahren um 86 Prozent zurückgegangen. Deshalb setzt sie die IUCN nun ganz oben auf die Liste der bedrohten Arten: Sie sind akut vom Aussterben bedroht. Die Folgen für den Wald sind größer als viele vermuten: Vor allem große Pflanzenfresser wie Elefanten, Nashörner oder Tapire sind herausragende Förster tropischer Regenwälder. Sie tragen die Samen der Fruchtbäume kilometerweit durch den Dschungel und scheiden sie unverdaut wieder aus. Sie sorgen dafür, dass sich die Wälder verjüngen und die Vielfalt der Arten erhalten bleibt.  

Die Lage der Afrikanischen Waldelefanten ist beispielhaft für eine dramatische Entwicklung: Die tropischen Regenwälder verlieren erschreckend schnell ihre Artenvielfalt – ganz besonders in der Tierwelt. Ohne die Tiere als Bestäuber und Samenverbreiter können sich ganze Ökosysteme tiefgreifend verändern. 

Was bedeuten tierarme Tropenwälder für das Erreichen der UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung? Etwa für Ernährung, Gesundheit und Klimaschutz? Diesen Fragen gingen Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) und des Lund University Centre for Sustainability Studies (LUCSUS) nach. In ihrer Studie beschreiben sie konkret die Folgen für Mensch und Natur.

Insel-Flughund Insel-Flughunde spielen eine wichtige Rolle bei der Bestäubung der Bäume. Ohne sie gäbe es beispielsweise am Durian-Baum keine der beliebten „Stinkfrüchte“, die für viele Menschen in Südostasien Nahrung sind und Einkommen bringen. (© Julian Gazzard/istockphoto.com)

Ernährung sichern 

Von Wildfleisch ernähren sich Menschen, die im und am Wald wohnen, ohne dass dadurch der Tierbestand gefährdet wäre. Vor allem ärmere Familien und indigene Gemeinschaften müssten sonst hungern. Die tropischen Waldtiere spielen zudem eine Schlüsselrolle bei der Bestäubung. Wenn Insekten, Fledermäuse oder Vögel fehlen, könnten die Menschen weniger Waldprodukte wie Früchte oder Nüsse ernten, so beschreiben die  Autoren der Studie die konkreten Zusammenhänge.

Gesundes Leben für alle

Werden Ökosysteme zerstört, teilen sich die überlebenden Arten die kleiner werdenden Lebensräume mit der Bevölkerung. Doch Wildtiere können Wirte von Krankheitserregern sein. Diese unnatürliche Nähe begünstigt das Überspringen der Erreger von Tieren auf Menschen. „Für die globale Gesundheit ist es von zentraler Bedeutung, dass Wildtiergemeinschaften in tropischen Wäldern gesund sind und relativ ungestört bleiben“, so Torsten Krause vom LUCSUS. 

Außerdem spielt in vielen indigenen Gemeinschaften der Naturglaube eine große Rolle. Der Verlust von Tieren und Pflanzen bedeutet auch den Verlust ihrer Kultur und ihrer traditionellen Lebensweise.

Klima schützen 

Tropische Regenwälder gehören zu den bedeutendsten Kohlenstoffsenken der Erde. Gesunde Waldökosysteme mit ihrem vielfältigen Zusammenspiel zwischen Tieren und Pflanzen sind für das Klima fundamental. Fehlen die tierischen Samenverbreiter, verändert sich die Waldbiomasse. So wurden zum Beispiel im Atlantischen Küstenwald Brasiliens die großsamigen Bäume immer seltener, weil größere Säugetiere und Vögel fehlten. 

Urwaldriesen speichern besonders viel Kohlenstoff. Der Verlust von großsamigen Bäumen führt dazu, dass bis zu zwölf Prozent weniger Kohlenstoff gespeichert werden. 

„Es ist wichtig, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die die Biodiversität der Tropenwälder untersuchen, erkennen, dass Wälder von Natur aus sozial-ökologische Systeme sind. Und dass die Biodiversität untrennbar mit der kulturellen Vielfalt verbunden ist“, sagt Andrew Tilker vom Leibniz-IZW. Die lokale Bevölkerung müsse eine wichtige Rolle in der Ausgestaltung der Schutzmaßnahmen spielen.

Diese Strategie verfolgt Rettet den Regenwald seit Langem. Indigene Völker haben nicht nur mit ihrer naturverträglichen Lebensweise die meisten der heute noch bestehenden Regenwaldgebiete erhalten und verteidigt, sie sind auch der Garant für deren Zukunft. 

Leere Wälder

• Von den 128.500 Tierarten auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion sind 28 Prozent vom Aussterben bedroht.  

• Zwischen 1970 und 2015 haben die Tropenwälder 58 Prozent der Vögel verloren und 83 Prozent der Säugetiere. Ein Folge-Studie von 2019 ergab, dass etwa 47 Prozent der tropischen Regenwälder Tierpopulationen verloren haben.

• Weltweit werden 87 Prozent aller Blütenpflanzen von Tieren befruchtet. Die meisten Befruchter sind Insekten; 10 Prozent sind Vögel und 6 Prozent Säugetiere.