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Der Mensch hilft den Fluten

Die Zerstörung der Mangrovenwälder hatte zur Folge, dass sich die Naturkatastrophe noch verherender auswirkte. Experten ziehen eine bittere Bilanz

Wer vor einem halben Jahrhundert entlang der Küsten des Indischen Ozeans gesegelt ist, der hat vor allem eins gesehen: Mangroven. Sumpfige Regenwälder an der Schnittstelle von Wasser und Land. Frühmorgens am 2. Weihnachtstag 2004 bot sich ein ganz anderes Bild: Eine Mischung aus industriellen Shrimps-Farmen, Touristenhotels, Städten und Dörfern. Dazwischen nur noch Fragmente der einstigen Mangrovengürtel. Das war vor der Welle. Wenige Stunden später waren die Strände des Indischen Ozeans verwüstet. Aber es gab Unterschiede. Als der Tsunami auf die Küste des südindischen Bundesstaates Tamil Nadu raste, prallte er in den Regionen Pichavaram und Muthupet auf dichte Mangrovenwälder. Dort wurden weniger Tote und Sachschäden beklagt als in Gebieten ohne Mangrovengürtel. „Wir haben beobachtet, dass Mangroven häufig eine natürliche Barriere für die Gewalten des Ozeans bilden“, sagt Monkombu Sambasivan Swaminathan. Der Mann gilt als „Vater der indischen grünen Revolution“ und ist Chef einer nach ihm benannten Forschungsstiftung in Chennai (Tamil Nadu). Die dortigen Wissenschaftler fanden zum Beispiel heraus, dass Mangrovenwälder die Auswirkungen eines Super-Zyklons abschwächten, der 1999 in Orissa an Indiens Ostküste tobte. Zwar sind die Windwellen auf der Meeresoberfläche, hervorgerufen durch einen Zyklon, nicht mit denen zu vergleichen, die ein Tsumani erzeugt: Eine Schockwelle, die vom Meeresboden bis zur Wasseroberfläche reicht. Und auch beim nächsten Tsunami wird es nicht helfen, sich hinter dichte Mangroven zu flüchten. Aber je mehr die Menschen die Natur der Küsten verändert, indem sie Korallenriffe und Mangroven zerstören, desto größer wird die Gefahr. Kein Wissenschaftler wird je exakt berechnen können, wie viele Menschen durch einen intakten natürlichen Schutzgürtel an den Küsten des Indischen Ozeans hätten gerettet werden können. Aber einig sind sich die Meeresbiologen, dass Mangrovenwälder für die tropischen Küstenregionen eine existentielle Bedeutung haben. „Sie schützen die Küsten durch ihr spezialisiertes Wurzelsystem vor Erosion und verbessern die Wasserqualität“, sagen etwa die Experten vom „Florida Marine Research Institute. Außerdem lieferten sie der lokalen Bevölkerung Holz, Nahrung und traditionelle Medizinalpflanzen.

Natürlicher Schutzgürtel zerstört

In den vergangenen 50 Jahren sind mehr als die Hälfte der weltweit einst 22 Millionen Hektar Mangroven zerstört worden – durch Urbanisierung der Küsten, Bau von Touristenunterkünften, Ölausbeutung, Luft- und Wasserverschmutzung und industriellen Shrimps- Farmen. Diese wurden jahrelang von der internationalen Finanzwelt wie der Weltbank gefördert und als „blaue Revolution“ gefeiert. Nach Angaben der unabhängigen US-Umweltorganisation Mangrove Action Project” waren früher drei Viertel aller tropischen und subtropischen Küsten mit Mangroven bewachsen. Durch Shrimp-Farmen wurden in Thailand 65.000 Hektar zerstört. In Indonesien verloren die Insel Java 70 Prozent, Sulawesi etwa 50 Prozent und Sumatra 36 Prozent ihrer einstigen Mangrovenwälder. Auch in Indien wurden große Flächen Mangroven zerstört. Jeff McNeely, Chef-Wissenschaftler der „World Conservation Union for Nature” (IUCN) mit Sitz in der Schweiz, macht ebenfalls das Verschwinden der Mangrovenwälder mit dafür verantwortlich, dass die Tsunami-Katastrophe ein solches Ausmaß annehmen konnte. „Wenn ein Tsunami heran rast, trifft er zunächst auf Korallenriffe und dann auf Mangrovenwälder, die ihn beide abbremsen können. Selbst wenn die Wellen durchbrechen und die Mangroven schwer schädigen, haben sie einen Teil ihrer Energie verloren.” Eine Studie der indischen Swaminathan Forschungsstiftung untermauert McNeely´s Einschätzung. Die dortigen Wissenschaftler hatten vor 14 Jahren mit einem Projekt begonnen, bei dem an der indischen Ostküste noch intakte Mangrovenwälder geschützt und bereits geschädigte stabilisiert wurden. „Wir haben jetzt festgestellt, dass dort, wo sich die Mangrovenwälder erholen konnten, die Schäden durch den Tsunamie geringer waren als an Küstenabschnitten ohne Mangroven”, sagt Monkombu Sambasivan Swaminathan. In Kürze will das von ihm geleitete Institut eine entsprechende wissenschaftliche Studie mit dem Titel „Tsunamies und Mangroven“ veröffentlichen.