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RegenwaldReport 01/2005

Die Proteinpiraten

Schleppnetz-Trawler und Shrimps-Farmen beuten die Indische See und die Küsten aus. Die meisten Meeresfrüchte landen auf europäischen Tellern

„Die erste Hand für die Fischer, die zweite Hand für die Mutter und die dritte für die Gemeinschaft“, singen die indischen Fischer. Das Lied erzählt von dem schweren Leben auf See. Millionen Menschen an den Küsten Indiens leben von den Früchten des Meeres. Täglich fahren die Fischer hinaus und werfen ihre Netze aus, um ihre Familien zu ernähren und die Menschen auf dem Subkontinent mit dem lebenswichtigen Fischprotein zu versorgen. Doch seit ein paar Jahren lohnt der Fang kaum noch. Deswegen wird es für die Fischer an der Südküste Indiens immer schwieriger zu überleben. Einer von ihnen ist Augustino. Seit Generationen gehört seine Familie zur Kaste der Fischer. „Seit ich zwölf Jahre alt bin, fahre ich aufs Meer.“ Früh am Morgen, gleich nach Sonnenaufgang, lassen sich die Fische am leichtesten fangen. Augustino versucht es mit einer Angelschnur, an der mehrere Haken mit Blinkern befestigt sind. Das ist zwar mühsam, aber wenn, beißen größere Fische an. Der Nachwuchs und damit die gesamten Fischbestände werden geschont.

Weltweiter Hunger nach Fisch

Trotzdem geht der indische Fischreichtum zurück, und Augustino kann sich nur noch selten über einen guten Fang freuen. Immer häufiger begegnen ihm auf dem Meer Fabrikschiffe, mit Heimathäfen in Russland, Norwegen, Japan und Taiwan. Eigentlich haben nur indische Fischer das Recht, in diesen Gewässern ihre Netze auszulegen, aber die industriellen Fangflotten verletzten häufig die 30-Meilenzone, in der sie nach internationalen Abkommen gar nicht fischen dürfen. Dank Satelliten gestützter Navigationssysteme finden die Trawler leicht die großen Schwärme und fischen radikal die Fischgründe leer. Augustino muss vier Söhne durchbringen. Er macht sich große Sorgen um die Zukunft seiner Kinder, denn in ein paar Jahren kann kein traditioneller Fischer mehr von seinem Fang leben. Eine ganze Kaste ist dem Untergang geweiht. „Obwohl wir inzwischen oft zweimal am Tag rausfahren, reicht es nicht. Die großen Trawler mit ihren riesigen Schleppnetzen fischen alles ab. Für uns bleiben nur noch ein paar kleine Fische in den Flachwassergebieten, dort, wo die Trawler nicht hinkönnen.“ Es geht um die Zukunft von vier Millionen traditionellen Fischern und ihren Familien und die Versorgung der gesamten Küstenbevölkerung Indiens mit Fisch. In den Industrieländern steigt die Nachfrage nach dem natürlichen Proteinspender Fisch, vor allem seit BSE und anderen Nahrungsmittelskandalen und angesichts eines geschärften Gesundheitsbewußtseins der Verbraucher. So flossen europäische, so genannte Entwicklungshilfegelder nach Indien in den Ausbau moderner Häfen, die es möglich machen, die Ware direkt nach Europa zu verschiffen.

Gourmethilfe für Europa

Nicht nur die Existenz von Millionen Fischern ist gefährdet, sondern auch die Versorgung der indischen Bevölkerung mit dem lebenswichtigen Eiweiß. Fleisch ist für viele Inder aus religiösen Gründen verboten oder nicht bezahlbar. Fisch ist unersetzlich. Immer größere und engmaschigere Schleppnetze kämmen den Ozean leer. Mit dieser Fangmethode kommen auch die jungen Fische und kleinen Meerestiere ins Netz. Die Fischbestände können sich nicht mehr erholen. Auch was nicht gefangen werden sollte ist im Netz. Der Beifang ist riesig und wird zu Futtermitteln für die Shrimps- oder Garnelen-Farmen verarbeitet. King Prawn, Crevette, Shrimp oder Riesengarnele – bei Shrimps geht es nicht nach dem Namen, sondern nach der Größe. Jedes Land benennt seine kleinen Schalentiere anders, es gibt keinen internationalen Standard. Tausende Brackwasserbecken gibt es an Indiens Küsten. Hier werden Tigergarnelen gezüchtet. Damit die Luxustierchen schnell wachsen, bekommen sie mehrmals täglich Kraftfutter – Proteine, die der indischen Bevölkerung gestohlen werden. Massentierhaltung bringt immer enorme Probleme mit sich, bei Garnelen genauso wie in unseren Hühnerfarmen. Es ist eng in den Becken, und die empfindlichen Zuchtgarnelen werden schnell krank. Es droht ein finanzieller Verlust. Wenn erste Anzeichen auftreten müssen die Farmer sofort und radikal handeln, sonst droht wieder eine Epidemie die den gesamten Bestand vernichten könnte. „Behandelt“ wird mit speziellen Chemikalien. In der Apotheke für Garnelenzüchter ist fast alles erhältlich – ohne Rezept. Egal ob Hormone für das Wachstum oder Antibiotika gegen Infektionskrankheiten oder stark chlorhaltige Desinfektionsmittel, damit sich die Viren nicht ausbreiten können. Die Chemikalien verseuchen nicht nur die Tiere, auch die Abwässer der Zuchtbecken sind hoch belastet. Sie werden in die Natur abgelassen und versickern auf dem umliegenden Land. Dennoch ist die Garnelenindustrie ein boomendes Geschäft. Die Zuchtteiche werden bevorzugt in den Mangrovensümpfen angelegt, denn das Brackwasser eignet sich besonders gut für das Aquafarming.

Augustino - ein Looser

Dabei werden die Brutstätten der Fische vernichtet und damit das Nachwachsen der Bestände verhindert. Fischer wie Augustino haben wieder einmal das Nachsehen. „Als ich klein war, gab es hier sehr viel Fisch. Seit dreißig Jahren fahre ich aufs Meer hinaus und es wird immer weniger und weniger. Es quält mich zu beobachten, wie unsere Fischgründe vernichtet werden.“ Nach der Zerstörung der Mangroven bleibt eine salzige Wüste. Die Rückstände der Medikamente gelangen ins Grundwasser. In den umliegenden Dörfern herrscht Dürre. Die Brunnen sind versiegt. Nur einmal in der Woche gibt es sauberes Trinkwasser. Die Fischerfamilien sind wirtschaftlich am Ende. Sie sind die Verlierer beim Kampf ums Protein. „Wir werden regelrecht zerquetscht“, klagt eine Frau. „Immer weniger Fische und kein Wasser. Diese Farmen sind ein Fluch. Sie machen uns arm und krank. Schauen Sie sich unsere Kinder an. Seit es die Farmen hier gibt, heilen ihre Wunden nicht mehr und die Medikamente wirken nicht.“ Garnelenfarmen sind ein kurzfristiges Geschäft, denn höchsten fünf Jahre lang können die Zuchtbecken genutzt werden. Dann sind die Böden vergiftet und versalzen. Den meisten Farmern fehlt das nötige Wissen, um artgerecht und längerfristig Garnelen zu züchten.

Hauptsache EU-Standard

Wichtig ist, dass die Ware gut aussieht und genau das richtige Format für den Export hat. Regelmäßig werden die Betriebe von der Europäischen Kommission auf Hygiene und technische Ausstattung geprüft. Dass dort auch Kinder arbeiten, entgeht den Kontrolleuren fast immer. Hamburger Hafen: Die Fischerboote des globalen Handels angeln gleich containerweise und in aller Welt. Mehr als die Hälfte der Meeresfrüchte und Fische, die in die Europäische Gemeinschaft importiert werden, stammen aus der so genannten Dritten Welt, denn die heimischen Meere können nicht mehr genug liefern. Da bleibt nicht mehr viel für die Inder. Leer gefischte Meere und zerstörtes Land. Aber die stolzen Fischer Indiens versuchen diese Entwicklung zu stoppen. Mit lauter Stimme und kleinen Booten stellen sie sich dem globalen Handel in den Weg – es geht um das Schicksal von Millionen Fischern und um die Ernährung eines ganzen Volkes „Wir lassen nicht zu, dass ihr unsere Meere plündert. Der Indische Ozean und seine Früchte gehören uns, den traditionellen Fischern“, sagt Augustino. „Natürlich könnt ihr etwas von unserem Fischreichtum abbekommen. Aber nur, wenn ihr uns das Fangen überlasst, wird es hier auch in Zukunft noch Fisch geben.“