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Fleisch schmeckt dem Klima nicht

Eine neue UN-Studie belegt: Der globale Viehbestand hat enorme Auswirkungen. Vor allem dem Amazonas droht das große Fressen.

„Es ist der Beginn einer historischen Epoche und der Eroberung dieser grünen Welt“, heißt es auf einer Gedenktafel. Die hängt ausgerechnet an einem Baumstumpf vor den Toren von Altamira im Bundesstaat Pará neben der Transamazonica. Am 9. Oktober 1970 hatte der damalige brasilianische Präsident hier die Urwaldpiste eingeweiht, weswegen an der Stelle noch heute ein Denkmal steht.

Täglich rollen schwere Trucks, beladen mit edlen Tropenhölzern, über die rotbraune Trasse, der rechts und links der Wald fehlt. Viehzüchter haben sich breitgemacht. „Die Straße war der Dosenöffner“, sagt Benigno Pessoa Marques von der brasilianischen Indianerbehörde FUNAI. Ein Blick aus dem Flugzeug gibt ihm recht. Unten liegt der Amazonas, zu hellgrünen Rechtecken mit milchigen Kreaturen darauf degradiert - Rinderweiden im Regenwald. Zwischen den kahl geschlagenen Flächen ragen noch ein paar Baumgruppen hervor. Für viele Pflanzen- und Tierarten ist ein Lebensraum, der nur aus Inseln besteht, auf Dauer tödlich. Allein fernab der Städte und Straßen erstreckt sich der Amazonas noch als grüner Ozean.

Brasilien ist heute der weltgrößte Exporteur von Rindfleisch. 1990 weideten im größten Regenwald der Erde etwa 27 Millionen Rinder, mittlerweile sind es rund 60 Millionen.

Opfer sind besonders die Wälder in den Bundesstaaten Mato Grosso, Par´a und Rondonia. Seit 1960 wurde knapp ein Fünftel des Amazonas abgeholzt, was mehr als zweimal der Fläche von Deutschland entspricht. Geht die Vernichtung im bisherigen Tempo weiter, wird 2050 fast die Hälfte des brasilianischen Regenwaldes zerstört sein.

Wie sehr der globale Viehbestand auch ein wichtiger Klimakiller ist, zeigt jetzt eine Studie der UN-Organisation für Landwirtschaft und Ernährung (FAO). Der knapp 300-seitige Bericht „Der lange Schatten der Viehwirtschaft“ untersucht die Wechselwirkungen zwischen Viehzucht, Gesellschaft und Umwelt. Die Viehwirtschaft trägt zwar nur 1,4 Prozent zur weltweiten Wirtschaftsleistung bei, ist aber nach den FAO-Zahlen zu 18 Prozent für die vom Menschen verursachten Treibhausgasemissionen verantwortlich und steht damit sogar noch vor dem weltweiten Transportsektor.

Aufgeschlüsselt nach den einzelnen Treibhausgasen verursacht die globale Viehzucht neun Prozent der Kohlendioxid-( CO2)-Emissionen, 37 Prozent des Methan- und 65 Prozent des Lachgasausstoßes.

Ein Drittel der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche wird für den Anbau von Viehfutter und ein Viertel der eisfreien Landfläche der Erde als Weiden genutzt. Eine Übernutzung und Verschlechterung der Böden kann dabei zusätzlich zur Freisetzung von Kohlenstoff führen, genauso wie die vor allem in Lateinamerika praktizierte Brandrodung von Wäldern zur Gewinnung von Weideland. Laut FAO beeinträchtigt die Viehzucht zudem an vielen Orten der Welt die Biodiversität und den Wasserkreislauf. Brasilien gehört mittlerweile zu den zehn Nationen, die weltweit am meisten Treibhausgase ausstoßen, obwohl das Land kaum Schwerindustrie besitzt und große Mengen Strom durch Wasserkraft produziert.

Sechzig Prozent des brasilianischen CO 2-Ausstoßes werden durch Kahlschlag und Brandrodung im Amazonas verursacht. Der speichert geschätzte 120 Milliarden Tonnen Kohlenstoff. Derzeit bläst die Weltgemeinschaft jedes Jahr „nur“ 25 Milliarden Tonnen CO2 in die Luft.

Dem Amazonas droht in der Zukunft weiter das große Fressen. Die FAO-Studie geht bis Mitte des Jahrhunderts von einer Verdoppelung der Fleischproduktion und einer fast so großen Steigerung in der Milchwirtschaft aus. Dabei spielt Soja eine entscheidende Rolle. Soja ist das meistgehandelte Landwirtschaftsprodukt auf dem Weltmarkt und wird insbesondere als Kraftfutter in der Massentierhaltung eingesetzt. In den vergangenen zehn Jahren stieg die Nachfrage jährlich durchschnittlich um etwa zehn Prozent.

Brasilien ist bereits zweitgrößter Sojaexporteur weltweit und will seine Produktion verdreifachen. Sojaschrot ist bei uns mittlerweile das wichtigste eiweißhaltige Futtermittel in der Tiermast, mit dem Millionen Schweine, Rinder, Hähnchen und Puten aufgepäppelt werden. Sie sind bei uns Hochleistungstiere, die Hochleistungsfutter brauchen. Für die Produktion von einem Kilo Hühnerfleisch werden etwa zehn Kilo pflanzliches Eiweiß benötigt. Seit BSE steigt der Bedarf und Brasilien besitzt noch riesige Flächen, auf denen die Produktion ausgeweitet werden kann - die liegen freilich im Amazonas.

Die Sojaplantagen in Brasilien haben längst den Amazonas erreicht. Mit dem „Soja-Hafen“ in Itacoatiara wurde das gesamte Amazonas-Wassersystem für den direkten Zugang zu den europäischen Märkten geöffnet.

Wegen des die Umwelt schädigenden Anbaus dürfen Ökobauern bei uns kein Soja einsetzen, sie müssen Futtermittel aus regionalem Anbau nutzen. Tatsächlich kann Soja durch Ackerbohnen, Erbsen oder Lupinen ersetzt werden, die ebenfalls einen ausreichenden Eiweißanteil enthalten.

Soja ist eine hervorragende Eiweißquelle. Aber ist es sinnvoll, erst den Regenwald abzuholzen, um Platz für Sojaplantagen zu schaffen? Um dann Sojaschrot Tausende von Kilometern nach Europa zu verschiffen, wo er in Mastbetrieben verfüttert wird? Und die Menschen zu beköstigen, die schon aus gesundheitlichen Gründen weniger tierisches Eiweiß brauchen?

Die Antworten können nur lauten: den Fleischverbrauch drastisch zu senken und den Verzehr von Lebensmitteln zu unterstützen, die biologisch und regional angebaut werden. Wenn der Amazonas stirbt, ist das nicht nur eine globale ökologische Katastrophe. Sie kommt die Deutschen auch teuer zu stehen.

Spätestens in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts könnten die Kosten für Wetterextreme aufgrund des weltweiten Klimawandels in Deutschland explodieren. Jeder Bürger, vom Säugling bis zum Rentner, so eine Berechnung von Greenpeace, müsste dann jährlich bis zu 1500 Euro zusätzlich für die Folgen des Klimawandels zahlen. Greenpeace stützt sich bei dieser Hochrechnung auf Zahlen des Berichts „Globale Umweltveränderungen“ des wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung. Der erwartet bei einer um zwei Grad Celsius höheren globalen Temperatur Belastungen der Volkswirtschaft von drei bis fünf Prozent des Bruttoinlandsproduktes.