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Eine Roadshow der besonderen Art

Wie ein schockierender Film den Regenwald rettet

Entsetzt nehmen die Bauern von Nyawan die Bilder auf (Fotos: Walhi)Entsetzt nehmen die Bauern von Nyawan die Bilder auf (Fotos: Walhi)

Es ist zwölf Uhr – und in der Kirche von Nyawan ist kein Zentimeter mehr frei. In der feuchten Hitze drängen sich Männer, Frauen und Kinder und schauen ungläubig Richtung Altar. Doch dort predigt nicht wie gewohnt der Pfarrer, heute läuft ein Film. Mitten im Dschungel von Borneo – das gab es noch nie. Und deshalb sind alle gekommen. Sie haben die Feldarbeit unterbrochen, weil der Film etwas mit ihnen zu tun haben soll. Aber niemand war auf solche Bilder gefasst: Eine grüne Wüste füllt die Leinwand, aus sandigen Böden wachsen endlose Reihen staubiger Ölpalmen. Die Zuschauer sehen Arbeiter mit Kanistern auf dem Rücken und Schläuchen in der Hand und der giftige Herbizidnebel vermischt sich mit der flirrenden Luft. Sie sehen tote Fische in wasserarmen Flüssen und Heuschreckenschwärme in den Reisfeldern. Und sie hören die Klagen der Bauern: „Als die Männer von den Palmölfirmen kamen, haben sie uns feste Arbeitsplätze versprochen auf den Plantagen.

Kein Versprechen wurde gehalten

Sie wollten uns Straßen bauen und eine bessere Schule und Wohlstand bringen, wenn wir unseren Wald verkaufen. Nichts davon ist wahr geworden. Wir schuften als Gelegenheitsarbeiter für 28.000 Rupien (knapp 2 Euro) am Tag und sind noch ärmer als vorher. Das Geld reicht nicht, um unsere Familien zu ernähren. Und den Wald, der uns Fleisch, Früchte, Bambussprossen, Rattan und Holz schenkte, fast alles, was wir zum Leben brauchten – diesen Wald gibt es nicht mehr.“

Und dann hören die Zuschauer in der Kirche von Nyawan, wie sich Motorsägen durch Baumriesen fressen, sie sehen, wie glutrote Feuerwalzen alles vernichten, was übrig blieb. Dann kommen Bulldozer und Bagger und bereiten den Boden für einen neuen grünen Dschungel – aus Ölpalmen.

Air Mata Manismata heißt dieser Film, die Tränen des Distrikts Manismata. Es ist die Tragödie Tausender Menschen im Süden der Provinz West-Kalimantan, nur ein paar Hundert Kilometer von Nyawan entfernt. Diesen Menschen ging schon vor 17 Jahren der Regenwald verloren – abgeschwatzt mit windigen Versprechungen; gestohlen, weil Ureinwohner keine Urkunden besitzen für das bewaldete Land, das schon ihre Ahnen weise nutzten.

Auf dem Weg zu den Dörfern sind viele Hindernisse zu überwinden.Auf dem Weg zu den Dörfern sind viele Hindernisse zu überwinden.

Niemand hatte sie aufgeklärt, ihnen gesagt, dass sie Rechte haben und sich wehren können und stark sind, wenn sie zusammenhalten. Die Dayaks, Borneos indigene Bevölkerung, sind Subsistenzbauern und leben noch immer auf traditionelle Weise vom Wald. Sehr viele von ihnen besitzen weder Telefon noch Radio, können kaum oder gar nicht lesen und schreiben und wissen nicht, was in anderen Regionen ihrer Provinz geschieht. Deshalb haben die Palmölfirmen und korrupte Beamte in den weltabgewandten, unwegsamen Urwäldern von Borneo so leichtes Spiel.

Dieses Spiel muss aufhören. Und so machen sich die Männer von Walhi wieder einmal vor Tagesanbruch auf den Weg. Walhi ist der indonesische Zweig von Friends of the Earth International; Männer und Frauen, die wissen, was gegen die Machenschaften von Konzernen und Regierungsbeamten zu tun ist. Und dieses Wissen tragen sie auf abenteuerlichen Wegen tief in die Wälder hinein. Damit die Menschen dort vorbereitet sind, wenn die Unterhändler der Palmölfirmen erscheinen.

Fünf Uhr morgens in Pontianak, Provinzhauptstadt von Westkalimantan: Die Walhi-Aktivisten beladen die Motorräder mit Computer, Leinwand und Beamer, Fotos und Infomaterial. Acht Stunden wird die Fahrt dauern bis nach Nyawan im nördlichen Teil der Provinz, nicht weit von der Grenze zu Malaysia. Es ist eine Fahrt voller Hindernisse; schlammige Straßen und Schlaglöcher, Sumpfland und Flüsse machen die Reise zum Abenteuer.

Der Film geht zu Ende, und nun erfahren die Bewohner von Nyawan, warum die Leute von Walhi gekommen sind: Seit drei Jahren ist die indonesische Regierung dabei, die „Indo-Malaysische Grenzregion“ wirtschaftlich zu entwickeln. Im Klartext heißt das: 1,8 Millionen Hektar tropischer Regenwald und Feuchtgebiete werden zerstört für gewinnbringende Ölpalmplantagen. Und damit die Bewohner von Nyawan wissen, wer auf sie zukommt, erfahren sie auch die Namen der Palmölkonzerne: Sinar Mas, Duta Palma und MJM Malaysia. Alle dafür bekannt, dass ihnen viele Mittel recht sind, um sich das Land der Ureinwohner anzueignen.

Die Empörung der Bewohner von Nyawan ist groß. So wie die Menschen von Manismata wollen sie nicht enden. Noch in der Kirche sind sie sich einig: Ihr Dorf stimmt geschlossen gegen den Verkauf von Land an Palmölfirmen.

Und die Aktivisten von Walhi erleben wieder einmal, dass Aufklärung und Bildung der beste Weg ist, damit die Dayak ihren Regenwald bewahren. Denn überall dort, wo die Menschen ahnungslos waren, haben viele von ihnen den Versprechungen der Firmen geglaubt und ihren Wald verkauft.

ERFOLGSBERICHT VON SASKIA VON WERDER

Saskia von Werder Saskia ist 24 Jahre alt und studiert in Bonn Geograie, Biologie, Agrar- und Ressourcenökonomik. Bei Walhi in Westkalimantan hat sie ein dreimonatiges Praktikum absolviert. Sie wollte den Zusammenhang zwischen europäischer Klima- und Energiepolitik und deren konfliktreiche Auswirkung auf die Agrarstruktur in den Tropen kennenlernen.
Mit großer Begeisterung hat Saskia bei Walhi gearbeitet. „Alle Mitarbeiter sind sehr motiviert und hoffnungsvoll - trotz der harten Realität. Sie kennen kein Wochenende oder Feiertage, sondern sind immer im Einsatz.“ Rettet den Regenwald hat dieses Projekt bis- her mit 12.500 Euro unterstützt; es wurden 16 Dörfer besucht.