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Leuser-Ökosystem

Wir retten das Leuser Schutzgebiet

Widerstand im Leuser Nationalpark „Wir sind Freunde von Leuser“ steht auf dem Plakat der von Rudi Putra ins Leben gerufenen Jugendbewegung. Der Urwaldriese in ihrem Rücken zeigt, was es zu schützen gilt. Er wächst im Leuser Nationalpark (© FKL)

Auf Sumatra ist einer der artenreichsten Regenwälder der Erde in Gefahr. Palmölplantagen breiten sich aus, neue Straßen zerschneiden Urwälder und ziehen Wilderer und Holzdiebe an. Zum Schutz von Flora und Fauna bilden unsere lokalen Partner Ranger aus und pflanzen Bäume. Dafür brauchen sie unsere Hilfe

Tarmizi durchstreift den Wald mit dem Blick eines Fährtensuchers. Jede Veränderung nimmt er wahr, Fußabdrücke, geknickte Zweige, Zigarettenasche. Dann entdeckt er die Drahtschlinge und zeigt sie seinem Kollegen. „Für einen Honigbären“, murmeln sie. Die beiden Männer verstauen die Falle in ihrem Gepäck.

Tarmizi arbeitet als Ranger in einem der schönsten und großartigsten Regenwaldgebiete, dem Leuser-Ökosystem. „Der letzte Ort auf unserer Erde“, sagt Tarmizi voller Ehrfurcht und zugleich voller Wehmut. Er meint: der letzte Ort, in dem die vier bedrohten Großsäugetiere Tiger, Elefant, Nashorn und Orang-Utan zusammenleben.

Das Leuser-Ökosystem liegt im Norden der Insel Sumatra. Zwei Drittel des 26.000 Quadratkilometer großen Schutzgebietes befinden sich in Indonesiens nordwestlichster Provinz Aceh, ein Drittel in der Provinz Nordsumatra. Seine Landschaften sind atemberaubend, angefangen von dem 3404 Meter hohen Berg Leuser, der dem Ökosystem den Namen gibt, über ursprüngliche Regenwälder bis hin zu sumpfigen Torfwäldern, die große Mengen Kohlenstoff speichern.

Tarmizi liebt den Duft des Waldes. Er liebt das Rufen der Hornvögel, die geschmeidigen Bewegungen der Zibetkatzen und das Rauschen des Wassers. Seit Generationen hat seine Familie hier gelebt. „Der Wald hat uns beschützt“, sagt er. Tarmizi setzt nun die Arbeit seines Vaters fort, der während einer Patrouille einem Herzinfarkt erlag.

Ranger entschärfen Schlingfalle Ranger durchstreifen das Dickicht, um Fallen unschädlich zu machen, mit denen Wilderer sogar Elefanten jagen. Aber sie finden weniger als zuvor, denn immer mehr Wilderer gehen den Rangern in die Falle (© FKL)

Fast dreißig Jahre lang, von 1976 bis 2005, kämpften Rebellen gegen das indonesische Militär für die Unabhängigkeit Acehs. Beide Parteien finanzierten ihren Krieg mit Tropenholz. Bei Kriegsende war ein Viertel des Leuser-Ökosystems kahl und degradiert. Dann traf am 26. Dezember 2004 der Tsunami Acehs Küsten. Die gewaltigen Wellen radierten ganze Ortschaften aus und kosteten hunderttausende Menschenleben. Doch sie brachten der Provinz endlich Frieden. Der Krieg war beendet und Aceh erhielt politisch Sonderautonomie.

„Der Wald hat uns beschützt. Jetzt beschützen wir ihn.“

Dass schon Marco Polo auf seiner Rückreise Aceh besucht hat, weist auf die geostrategisch wichtige Lage Acehs hin. Die Handelsroute von China nach Indien und Arabien führt durch die Malakka-Straße. Seeschiffe und Händler aus aller Welt haben ihre Spuren hinterlassen. Die Geschichte erzählt von berühmten Sultanen, von weiblichen Admirälen und bedeutender Literatur. Und von dem ausdauernden Kampf der Acehnesen gegen das Kolonialheer Hollands.

Weisshandgibbon Der Weißhand-gibbon gehört zu den bedrohten Arten (© istock.com/AYimags)

Bis heute spielt sich menschliches Leben eher an den Küsten ab. Das Landesinnere, die hohen Berge, die großen Wälder und die Torfsumpfwälder gehören der Natur. Der Kern des Leuser-Ökosystems ist Nationalpark und Teil des UNESCO-Welterbes „Tropischer Regenwald von Sumatra“. Doch weder der Status als Nationalpark noch der UNESCO-Titel konnten das Ökosystem effektiv schützen.

Für den Wiederaufbau nach der Tsunami-Katastrophe begann ein neuer Ansturm auf Tropenholz. Häuser wurden gebaut, Plantagen angelegt, Bergbaugebiete ausgewiesen, Straßen geplant. Wilderei und illegaler Holzeinschlag waren an der Tagesordnung.

Die Abholzungen dezimieren das Habitat der Wildtiere, mit dem Ergebnis, dass die Großsäuger heute als stark bedroht gelten. Hauptursache für den Waldverlust ist Palmöl. Bis hinein in das Leuser-Ökosystem reichen die Plantagen von mehr als 30 Palmölfirmen. Sie produzieren für die globale Nahrungsmittelindustrie, Kosmetik und Biodiesel. Sogar in den Kluet-Sümpfe, in denen eine Population handwerklich geschickter Orang-Utans lebt. Auch wurden ehemalige Unabhängigkeitskämpfer mit Plantagen entschädigt.

„Nur hier können Sumatras Großtiere noch überleben.“

„Wir sind an einem kritischen Punkt angelangt“, sagt Tarmizis Chef, der Biologe Rudi Putra. „Das Leuser-Ökosystem repräsentiert Südostasiens reichste Artenvielfalt. Nur hier besteht noch die Chance, dass die Megafauna überlebt. Es ist die letzte Hoffnung für Südostasiens Biodiversität.“

Bisherige Schutzprogramme sind enttäuschend. Während des Krieges war effektiver Schutz kaum möglich und nach dem Tsunami dominierte der harte Wettbewerb um Wald und Ressourcen. Der neue Raumordnungsplan der Aceh-Regierung ist eine neue Gefahr; er sieht Straßen, Staudämme, Industrieprojekte, Plantagen und Bergbau mitten im Ökosystem vor.

Kamerafallenbild Tiger (© FKL)

Straßen zerstückeln die Lebensräume vieler Tiere. Tierpopulationen schrumpfen und leiden unter genetischer Einfalt. Jede Straße lockt kriminelle Holzfirmen, Tierfänger und Migranten von anderen Inseln an.

Mit Rudi Putras Forum Konservasi Leuser kommt wieder Hoffnung auf. Erst vor wenigen Jahren gegründet, geht das Forum neue Wege: es kämpft gleichzeitig an verschiedenen Fronten: politisch für eine Rücknahme des Raumordnungsplanes und eine konsequente Umweltpolitik, aktiv gegen illegale Plantagen, Wilderei und Holzeinschlag, schützend mittels Aufforstung.

Unweit von Tarmizis Rangerstation poltern Lastwagen über die noch unbefestigte Straße, beladen mit Baumstämmen oder Palmölfrüchten. Versteckt im Gebüsch weisen Holzrutschen auf illegale Holzfäller weiter oben. Motorradspuren könnten von Wilderern stammen. Doch: „Wir finden jetzt weniger Fallen als vor zwei Jahren“, sagt Tarmizi. „Das ist dem Einsatz unseres Forum Konservasi Leuser zuzuschreiben.“
Rudi Putras Initiative verzeichnet Erfolge: ein geplantes Straßennetz wurde verhindert, Dutzende illegale Ölpalmplantagen und Holzfirmen geschlossen. Wilderer und Holzfäller werden effektiver verfolgt. Und das Forum hat an vielen Stellen mit der Aufforstung begonnen.

Neben Tarmizi und seinem Kollegen arbeiten weitere 22 Rangerteams für das Forum. Sie patrouillieren an besonders kritischen Punkten, dort, wo Straßen Habitate zerstückeln und sensible Ökosysteme von Abholzung, Trockenlegung und Ölpalmplantagen bedroht sind. Sie stellen die Wilderer und Holzfäller, immer unter Einsatz ihres eigenen Lebens. Sie sägen illegale Ölpalmen ab und forsten mit einheimischen Arten wieder auf.

Baumschule Forum Konservasi In Baumschulen werden heimische Baumarten für die Aufforstung gezogen – 100.000 Setzlinge sollen in den kommenden vier Jahren ausgepflanzt werden. (© FKL)

Am Raumordnungsplan beißt sich das Forum die Zähne aus. Die Provinzregierung stellt sich gegen nationale Naturschutzgesetze und gibt das Leuser-Ökosystem der wirtschaftlichen Ausbeutung preis. Hier hilft internationaler Druck, zum Beispiel mit Petitionen und Informationen.

Tarmizi hat jetzt acht weitere Kollegen. Sie werden an zwei neuen Straßenbauprojekten Richtung Westküste positioniert, ein Team im Bereich der Tripa-Sümpfe und das zweite beim Leuserberg. Eine gefährliche Arbeit gegen skrupellose Gegner. Das nächste Jahrzehnt wird darüber entscheiden, ob das Leuser-Ökosystem erhalten bleiben kann. Wir werden alles dafür tun, was möglich ist – mit Ihrer Hilfe.

Die Letzten ihrer Art dürfen nicht von der Erde verschwinden

Das Leuser-Ökosystem ist der letzte Ort auf der Erde, an dem die stark bedrohten Großsäuger Orang-Utan, Elefant, Tiger und Nashorn im gleichen Habitat zusammenleben. Der Großteil der 400 überlebenden Sumatra-Tiger hat hier seinen letzten Rückzugsort, ebenso wie das Sumatra-Nashorn, von dem es auf der Erde nur noch wenige Tiere gibt.

Nebelparder, Malaiische Honigbären, Marmorkatzen, Wildhunde und viele Affenspezies teilen sich mit den Großsäugern das Terrain. Die Orang-Utans der Kluet-Sümpfe sind in der Wissenschaft für die Verwendung von Werkzeug berühmt. Insgesamt gibt es 105 Säugetier- und 382 Vogelarten und 95 Arten Reptilien und Amphibien. Eurasische Arten, die in Südost-asien selten geworden sind, haben hier ihre letzte Zuflucht.

Wie viele Pflanzenarten es gibt, kann nur geschätzt werden. 8.500 sind wissenschaftlich erfasst, wertvolle Tropenbäume wie Meranti und die größten Blumen der Welt. Die Titanwurz (Foto unten) kann drei Meter hoch werden und der Durchmesser der Rafflesia erreicht einen Meter.

Titanwurz Die Titanwurz kann drei Meter hoch werden und der Durchmesser der Rafflesia erreicht einen Meter (© Istock.com/Mark Goddard)

Leuser Ökosystem in der Provinz Aceh

Die rot markierten Straßen sollen ausgebaut werden. Das Foto rechts zeigt den Blick von der südlichen Straße auf intakten Wald. Er wird seit April 2018 von den Rangern verteidigt.

Karte Sumatra (© RdR)

Ein Leben für Leuser: Rudi Putra

„Das Leuser-Ökosystem und seine reiche Biodiversität sind unvergleichlich und unersetzbar. Es ist wichtig, das gesamte Ökosystem zu erhalten, für die Artenvielfalt, das globale Klima und die Menschen von Aceh. Die 4,7 Millionen Einwohner Acehs sind von intaktem Wald und sauberem Wasser abhängig. Alle großen Flüsse Acehs entspringen hier. Der Waldverlust führt zu furchtbaren Überschwemmungen. Ich habe viele solcher Katastrophen erlebt – das hat mich zu meinem Einsatz für den Naturschutz motiviert. Nicht nur die ökologischen Schäden der Zerstörung sind hoch, auch die wirtschaftlichen und sozialen. Mit dem Forum Konservasi Leuser wollen wir das Leuser-Ökosystem schützen und die Risiken verringern.“

Rudi Putra Rudi Putra, Leiter des Forum Konservasi Leuser. Für sein vielverspechendes Schutzprogramm für die bedrohte Großtierfauna wurde dem Bio-logen der Goldman-Umweltpreis verliehen (© FKL)

Forum Konservasi Leuser:
Gegründet 2013, mit zurzeit rund 180 Mitarbeitern die erfolgreichste Naturschutzorganisation in Aceh, arbeitet mit Gemeinden, anderen NGOs und der Regierung zusammen. Erfolgreiche Arbeit 2017: 23 Ranger-Teams sammelten 814 Fallen ein und stellten 65 Wilderer. 4.000 ha illegal besetzte Schutzgebiete wurden zurückgefordert. 37 illegale Holzfäller zusammen mit der Polizei verhaftet.

Aktiv werden! Ihre Spende für Ranger + Bäume

Während der nächsten Jahre unter-stützen wir neue Ranger-Teams mit Ausrüstung: Ein Ranger erhält 220€ pro Monat, ein Schlafsack kostet 20€, ein Rucksack 70 €. Auch Kameras, GPS-Geräte und Drohnen zur Aufklärung und Überwachung werden gebraucht. Außerdem werden 500 ha zerstörter Wald aufgeforstet, für 40 € können 1.000 m2 neu bepflanzt werden, inkl. Aufzucht und Pflege der Setzlinge.

Regenwald im Leuser-Nationalpark (© FKL)