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Artenschutz

Ein Hoch auf den Hummelflug!

Holzbiene Wildbienen wie die Violette Holzbiene leben meist als Einzelgänger

Farbenprächtige Schmetterlinge und fleißige Bienen – um uns herum existiert ein fantastischer Insekten-Kosmos. Doch wie lange noch? Deutschland erlebt einen dramatischen Artenschwund. Wir müssen handeln, um die Insekten zu schützen. Ein Plädoyer für die Vielfalt

Zugegeben, die Stubenfliege nervt. Dick und fett schwirrt sie herum, will nicht lockerlassen. Man will sich nicht vorstellen, wo sie vor ihrem lästigen Besuch saß. Die Fliege ist nicht das sympathischste Insekt – und doch lässt sich an ihr zeigen, wie wichtig jede Art ist. Sie vertilgt Ausgeschiedenes, Weggeworfenes und Totes und fügt es so wieder in den Nährstoffkreislauf ein, worauf Blumen angewiesen sind – die wiederum Bienen ernähren. Jedes Tierchen hat seinen Platz im Insektenreich – und das ist atemberaubend vielfältig.

Biologen haben bereits 800.000 Insektenarten beschrieben – bei jedem Streifzug durch die Natur können sie neue Spezies entdecken, so viele liegen noch im Verborgenen. Denn Kerbtiere haben sämtliche ökologische Nischen innerhalb der vergangenen 400 Millionen Jahre besetzt. Von den Tropen bis in die Arktis, von Feuchtgebieten bis in die Wüsten. Von der Blumenwiese bis auf den sonntäglichen Pflaumenkuchen, auf dem sich Wespen einfinden.

Von ihren Cousinen, den Wildbienen, gibt es allein in Deutschland 585 Arten, darunter Fuchsrote Sandbienen mit rötlichem Pelz, 20 Millimeter lange Violette Holzbienen, 5 Millimeter winzige Polierte Schmalbienen. Die Honigbiene ist freilich die bekannteste Vertreterin der emsigen Pollensammler.

Manche Wespen sind so klein wie die i-Punkte in diesem Heft, während Stabschrecken so lang werden können wie ein menschlicher Unterarm. Nagekäfer fristen über zehn Jahre ein langweiliges Larven-Dasein im Dunkeln, bis sie als Käfer aus dem Holz toter Bäume schlüpfen, sich paaren und verenden. Monarchfalter hingegen müssen auf ihrem 8.000 Kilometer langen Flug von Kanada nach Mexiko und zurück gefährliche Abenteuer bestehen. Fruchtfliegen erleben nichts von alledem – ihnen sind lediglich zwei Wochen Lebenszeit gegönnt.

Auch bei der Fortpflanzung gehen Insekten bemerkenswerte Wege – bei Säugetieren erfolgt sie vergleichsweise unspektakulär. Die Metamorphose von der Raupe über die Puppe bis zum Schmetterling gehört zu den faszinierendsten Schauspielen der Natur. Falter locken mit Farbenpracht Weibchen an zum eleganten Liebestanz. Der nahezu blinde Nagekäfer hingegen schlägt seine Stirn vielfach gegen das Holz, aus dem er kroch – nicht um einen Partner anzulocken, sondern um ihn per Klopfzeichen zu orten. Während der Hochzeitsnacht überreicht der plumpe Galan seiner Auserwählten ein wohldurchdachtes Geschenk – und klebt ihr ein Fresspaket an den Leib, damit sie bis zur Eiablage nicht hungern muss.

Aktiv werden! Lassen Sie es blühen

Jeder kann etwas für Insekten tun.

1- Pflanzen Sie heimische Blumen; mit Exoten und Steingärten können Bienen nichts anfangen
2- Beweisen Sie Mut zum „Unkraut“ im Garten
3- Setzen Sie sich dafür ein, dass städtische Grünanlagen kleine
Paradiese bleiben – oder werden
4- Kaufen Sie Obst und Gemüse aus Bioanbau; dort wer den keine Pestizide eingesetzt

Wer einen Ameisenhaufen aus der Nähe anschaut, erfährt womöglich erstens, wie schmerzhaft es ist, wenn die Kriegerinnen des Volkes angreifen, und zweitens, wie erfolgreich die kleinen Insekten ihren Staat aufgestellt haben. Bedenkt man, wie komplex Bienenvölker organisiert sind, müsste man bei jedem Bissen in ein Honigbrot vor Ehrfurcht niederknien.

Jedes Insekt – selbst der Plagegeist – hat seine Funktion, seine Daseinsberechtigung. Sie mag darin bestehen, von Vögeln und Fledermäusen gefressen zu werden. Sie mag darin bestehen, andere Arten in Schach zu halten und so einen Massenansturm von „Schädlingen“ einzudämmen. Oder wie Bienen, Hummeln und Co. unermüdlich Blütenpflanzen zu bestäuben – ohne ihre Arbeit blieben Apfelbäume ohne Früchte und Gemüseteller leer.

Grafik Tierarten (© RdR)

Grafik Insekten und Vögel (© RdR)

Doch genau dies blüht uns: die Bienen verschwinden. Und nicht nur sie. Deutschland erlebt einen dramatischen Artenschwund, wie unsere europäischen Nachbarländer, Nordamerika und China übrigens auch. Doch nicht nur die Zahl der Spezies nimmt ab, sondern häufig auch die Zahl der Tiere pro Art. In den vergangenen 30 Jahren ist die Biomasse der Fluginsekten hierzulande um 80 Prozent eingebrochen. Jede zweite Tagfalterart steht auf der Roten Liste.

Als Beleg für den Insektenschwund mag die Auto-Windschutzscheibe gelten: War sie früher nach kurzer Fahrt mit Insektenkadavern übersät, bleibt sie heutzutage nahezu sauber. Auch Nachtfalter, die um Lampen kreisen, sind weitgehend passé. Vergangenheit.

Hoffnung Stadt – innerorts ist die Artenvielfalt größer

Ein Blick zurück hilft zu verstehen, warum es um die Insekten so schlecht steht – und was wir tun können, damit es ihnen besser geht. Die Misere begann vor 50 Jahren mit der Idee, die vielseitige Kulturlandschaft müsse traktorfreundlicher gestaltet werden. Als Flurbereinigung wurde das Beseitigen von Hecken, das Trockenlegen von Feuchtgebieten und das Begradigen von vielem, was krumm war, betitelt. Es entstand eine artenarme Monotonie, gesäubert von ungezählten Tier- und Pflanzenarten. Ackergifte tun ihr Übriges zum Insektentod (siehe unten).

Die Insekten leiden zudem unter dem Appetit der Deutschen auf Fleisch, Käse, Milch und Eier. Die Schweine, Rinder und Hühner produzieren Unmengen an Gülle, die als Dünger auf Äckern und Weiden versprüht werden. Wo nach Ansicht der Bauern nicht genug der Brühe fließt, helfen sie mit Kunstdünger nach. Viele Pflanzenarten, die mageren Untergrund benötigen, werden zu Tode gedüngt. Seit Biogas als klimafreundliche Energiequelle gilt, mutieren Landwirte zu Energiewirten und stellen auf den Anbau von Mais um. Fruchtfolgen mit mehreren Sorten fielen damit flach. Eine Fahrt übers Land ist in vielen Regionen eine Reise in eine ökologische Wüste.

Es klingt paradox: In Städten ist die Artenvielfalt mitunter größer als auf dem Land, wo man Natur vermutet. (Klein)-gärten, Parks, Kreisverkehre und Friedhöfe bilden ein vielseitiges Mosaik an Lebensräumen – die es zu erhalten gilt. Bienen, Schmetterlinge und Käfer brauchen ebenso viel Aufmerksamkeit wie Elefanten und Schimpansen in fernen Ländern. Apropos Schimpansen: Wussten Sie, dass die Primaten gern Ameisen verspeisen? Aber das ist ein anderes Insekten-Thema.

Aktiv werden! Unterschreiben Sie unsere Petitionen

Damit Deutschlands Insekten eine Chance haben, brauchen wir eine grundlegende Agrarwende hin zu ökologischer Landwirtschaft – ohne Gifte wie Glyphosat und Neonicotinoide.

www.regenwald.org/petitionen

Pflanzen- und Insektengifte müssen vom Markt

Man muss kein Experte sein, um zu verstehen: Werden „Unkräuter“ mit dem Herbizid Glyphosat ausgemerzt, bleibt auch für Insekten kein Halm und keine Blüte stehen – und damit für Vögel wie Feldlerche, Braunkehlchen und Kiebitz nichts zu fressen. Auch auf Ackersäumen landet die tödliche Chemikalie der Firma Monsanto. Trotzdem hat die EU das Gift erneut zugelassen. Deutschland sollte die Verwendung deshalb verbieten.

Ebenso verheerend wirken sich Neonicotinoide aus. Die Insektengifte dieser Gruppe sorgen dafür, dass Bienen die Orientierung verlieren und nicht mehr zum Stock zurückfinden. Die womöglich mit Pollen voll beladenen Arbeiterinnen verenden – und die Tiere im Stock verhungern. Die Politik reagiert nur halbherzig: lediglich drei Typen von Neonicotinoiden wurden jetzt verboten, und auch nur im Freiland. Für den Schutz der Bienen und anderer Insekten müssen jedoch alle Gifte dieser Stoffgruppe vom Markt verschwinden. Sowohl auf Äckern als auch in Gewächshäusern muss der Einsatz beendet werden.