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Regenwald Report 03/2023 · Uganda

Erdöl-Boom am Albertsee

Elefanten, Uganda Die Elefanten im Murchison Falls Park leben nur wenige Kilometer vom ersten Bohrturm entfernt (© RdR/Mathias Rittgerott)

Obwohl die Klimakrise ein Ende des Erdöl-Zeitalters verlangt, greift die Industrie nach Afrika. Konzerne aus Frankreich und China wollen Uganda mit Bohrlöchern überziehen und eine 1.443 Kilometer lange Pipeline bauen. Mit wenig Rücksicht auf Menschen und Natur.

Die Luft flimmert über dem Asphalt im Murchison Falls Nationalpark. Von der frisch geteerten Straße aus fotografieren Touristinnen und Touristen Elefanten und Giraffen. Safari ohne Schlaglöcher. Ihnen stockt der Atem beim Anblick der wilden Tiere. Zu fotografieren gibt es viel: Die Ökosysteme des Albertine Grabens beherbergen mindestens 144 Säugetierarten und 556 Vogelarten. 

Doch verborgen vor den Kameras ragt nur wenige Kilometer entfernt ein Bohrturm des Ölkonzerns TotalEnergies in den Himmel. „Die Straße wurde allein für das Erdöl-Business asphaltiert“, sagt Maxwell Atuhura, Chef der Umweltschutz- und Menschenrechtsorganisation Tasha. Solche „Oil roads“ zerschnitten die Wanderrouten vieler Tiere; immer wieder käme es zu Unfällen mit Autos und Lastern, erklärt der Aktivist. Dabei dürfte der Verkehr auf der Straße deutlich zunehmen, wenn der französische Konzern TotalEnergies mit dem Projekt Tilenga in naher Zukunft tatsächlich Öl fördert.

Kinder am Albertsee, Kongo Die Menschen am Albertsee leben vom Fischfang. Wird er durch Öl verschmutzt, sieht auch die Zukunft der Kinder düster aus (© RdR/Mathias Rittgerott)

Tilenga ist mit 400 geplanten Bohrlöchern, 100 davon im Nationalpark, Teil des afrikanischen Erdöl-Booms. So hat der chinesische Staatskonzern CNOOC am Ufer des nahen Albertsees bereits einen Bohrturm errichtet. Beim Projekt namens Kingfisher soll in 2,7 Kilometern Tiefe horizontal  unterhalb des Seegrunds gebohrt werden. Von der Stadt Hoima soll das hochgepumpte Erdöl durch die im Bau befindliche 1.443 Kilometer lange Ostafrikanische Rohölpipeline EACOP zum Hafen von Tanga in Tansania geschafft werden.

Fährt man durch den Distrikt Hoima im Westen Ugandas, sieht man zahlreiche Vorboten des Erdölgeschäfts: Straßen sind im Bau, Bulldozer und anderes schweres Gerät schlagen eine Schneise auch durch den Budongo-Wald. Rohre für größere und kleinere Pipelines werden verlegt, eine zentrale Verarbeitungsanlage und eine Raffinerie errichtet. Bauarbeiten und Lärm hätten bereits Elefanten vertrieben - jetzt suchten die Tiere Dörfer heim und verwüsten Gärten, klagen die Einheimischen.

Giraffe Im Murchison Falls Nationalpark lebt die größte Giraffen-Population Ugandas – noch... (© RdR/Mathias Rittgerott)

Viele Familien verlieren ihre Lebensgrundlage

Maxwell Atuhura von Tasha stammt aus Bulisa, einer Kleinstadt vor den Toren des Nationalparks. Nahezu pausenlos klingelt und surrt sein Mobiltelefon; Maxwell muss eine wahre Flut von Anrufen und Textnachrichten von Opfern der Öl-Projekte bewältigen. Er ist unablässig in den Dörfern, aber auch in Ugandas Hauptstadt Kampala unterwegs, um Tilenga, Kingfisher und EACOP zu verhindern. Dabei ist er, wie Rettet den Regenwald, Teil des Netzwerks #StopEACOP.

Täglich hört Maxwell Atuhura von der Verzweiflung, Wut und Resignation der Einheimischen. Im Kern gehe es dabei oft darum, dass die Menschen für ihr Land, ihre Obstgärten und Felder mit viel zu wenig Geld entschädigt worden seien – oder in einigen Fällen seit 2019 darauf warteten. „Vielen Familien wurde ihre Lebensgrundlage genommen“, sagt er.

Wer sich darauf einließ, umgesiedelt zu werden, ist häufig nicht besser dran. Die neuen Häuser seien zu klein und stünden zu dicht nebeneinander. Der soziale Zusammenhalt in den Neubausiedlungen sei gering. Zudem sei das Land ringsum karg, trocken und für die Landwirtschaft ungeeignet, klagen die Bewohner und Bewohnerinnen.

Die Frauenrechtlerin Beatrice Rukanyanga weiß aus vielen Gesprächen, dass die Erdöl-Projekte tiefe Risse in Familien aufbrechen können. „Traditionelle Armut schweißt Paare zusammen, Geld entzweit Familien“, sagt sie. Sie kenne viele Fälle, bei denen Männer die gezahlte Entschädigung verschwendet oder mit Geld in der Tasche ihre Frauen und Kinder verlassen haben.

Im Ort Buhuka steht der erste Bohrturm des chinesischen Konzerns CNOOC direkt am Ufer des Albertsees. Ein Hirte hat Rinder ins seichte Wasser getrieben, wo einige Fischerboote dümpeln. Kinder tollen umher, während sich Einheimische mit Maxwell Atuhura treffen. „Die Fischer machen sich große Sorgen“, übersetzt er. Wenn bei einem Leck Öl in den See fließt, wäre ihre Lebensgrundlage ruiniert, sind sie sich sicher. 

Berggorilla in der Demokratischen Republik Kongo Berggorillas sind extrem bedroht. Es gibt sie nur noch in der Demokratischen Republik Kongo, Ruanda und Uganda (© Grilled Paprika/Shutterstock.com)

Wer sich gegen das Erdöl-Projekt wehrt, ist in Gefahr

Am anderen Ufer des Albertsees liegt die Demokratische Republik Kongo. Deren Regierung versucht gerade, übers ganze Land verstreut Förderlizenzen für 30 Öl- und Gasfelder zu verkaufen. Auch dort könnte CNOOC zum Zuge kommen und darauf abzielen, Öl aus dem Kongo durch die Pipeline EACOP zu exportieren. Plötzlich wäre Kingfisher nur ein kleiner Bestandteil eines viel größeren Plans, Afrikas Ressourcen auszubeuten.

Derweil wird es in Uganda immer gefährlicher, sich gegen das Erdölgeschäft zu stellen. Maxwell Atuhura wurde 2021 zu Unrecht ins Gefängnis geworfen. Die Regierung droht unliebsamen Organisationen mit der Schließung.

Als am 4. Oktober 2022 Studierende in Kampala friedlich gegen die EACOP demonstrierten, griffen Polizisten unbarmherzig zu und nahmen fest, wen sie kriegen konnten. Neun junge Männer warten seither auf ihren Prozess. Doch sie lassen sich nicht einschüchtern. „Wir wurden bedroht. Unsere Familien wurden bedroht“, sagt Ntambazi Imuran Java. Den Widerstand gegen die Erdölprojekte aufzugeben, ist für ihn trotz aller Risiken undenkbar. Und er fragt: 

„Wenn wir es nicht machen, wer dann?“

Umweltschützer Maxwell Atuhura (rechts) berät Bevölkerung in Uganda Der Umweltschützer Maxwell Atuhura (rechts) berät die örtliche Bevölkerung und wird von ihr sehr geschätzt (© RdR/Mathias Rittgerott)

 

                             

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