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Regenwald Report 04/2021

Regenwälder-Retter – vor Ort und weltweit

Penan in Sarawak Für ihren gewaltlosen Widerstand gegen die Zerstörung ihres Regenwaldes sind die Penan auf Borneo weltweit bekannt (© Julien Coquentin)

Die Rettung der verbliebenen Regenwälder ist eine globale Aufgabe. Darum unterstützt Rettet den Regenwald Partner in Lateinamerika, Afrika und Asien bei ihren Aktionen und Kampagnen. Über Jahrzehnte ist ein einzigartiges Netzwerk gewachsen, das Basisgruppen vor Ort mit der Öffentlichkeit in den Industrienationen verbindet.

Es sind indigene Völker, lokale Gruppen und Umwelt-organisationen, die beim Schutz der Regenwälder eine entscheidende Rolle spielen. Sie sind vor Ort, sie kennen die Gebiete und wissen mit dem Wald zu leben. An ihnen sollten wir unser Handeln orientieren, schließlich haben sie mit ihrer naturschonenden Lebensweise die Ökosysteme bis heute erhalten. Partnerorganisationen von Rettet den Regenwald patrouillieren durch die oft riesigen Urwaldgebiete. Sie verteidigen die Wälder vor dem Zugriff durch Holzfäller, Bergbaufirmen, Plantagen-Gesellschaften, Viehzüchter und Landspekulanten.

Doch Aktivisten und Umweltschutzgruppen waren in diesem Jahr in ihrer Bewegungsfreiheit und damit in ihrer Arbeit massiv eingeschränkt. Aufgrund teilweise harter Lockdowns durften sie ihre Häuser oder Dörfer nicht verlassen. Viele Indigene haben sich freiwillig isoliert, um ihre Gemeinschaft zu schützen. So kam auch keine Hilfe von außen zu ihnen.

Die meisten Partner-Organisationen haben im vergangenen Jahr kurzfristig auf Notfallhilfe umgeschaltet. Währenddessen haben Regierungen, Politiker, Firmen und Landspekulanten die Pandemie oftmals genutzt, um Arbeitertrupps, Holzfäller und Bulldozer loszuschicken und Fakten zu schaffen.

Das Netzwerk von Rettet den Regenwald blickt auf ein schwieriges Jahr zurück. Eine Weltreise durch die Regionen des Regenwaldes zeigt die unterschiedlichen Herausforderungen und gibt einen Überblick über die Lage in den tropischen Regenwaldgebieten der Erde.

Weltkarte Regenwaldgebiete Partner von Rettet den Regenwald sind auf allen drei Kontinenten mit tropischen Regenwäldern aktiv (© Rettet den Regenwald)

Wächter des Xingu in Brasilien

Im Amazonasgebiet hat das Corona-Virus besonders schwer zugeschlagen. Zum Teil monatelange Lockdowns haben die Arbeit unserer Partner-Organisationen stark behindert. Politische Krisen wie in Peru verschärften die Lage und haben zu chaotischen Zuständen geführt. In Brasilien hat der rechtsradikale und populistische Präsident Jair Bolsonaro Covid-19 verharmlost und Schutzmaßnahmen be- und verhindert. Vielerorts kollabierte das staatliche Gesundheitssystem, das auch schon vor der Pandemie oft prekär und nicht flächendeckend vorhanden war.

„Der Mann einer Kollegin ist gestorben, und auch ein großer Teil der Anführerinnen in den Dörfern hat sich mit dem Virus infiziert“, berichtet Verena Glass von der lokalen Umweltorganisation Xingu Vivo in Brasilien. Seit das Wasser des Xingu-Flusses über Kanäle in das riesige Wasserkraftwerk Belo Monte umgeleitet wird, ist eine 130 Kilometer lange Flussschleife weitgehend trockengelegt. Die Menschen, die vom Fischfang und dem Anbau auf kleinen Parzellen entlang der Ufer gelebt haben, hat das schon vor der Pandemie schwer getroffen. Xingu Vivo steht den Menschen beim Kampf um ihre Heimat bei. Doch nun gab es sogar Hunger. „Nach einem Aufruf des Innenministeriums haben wir neun Monate lang Körbe mit Grundnahrungsmitteln an 1.180 Familien auf beiden Seiten des Xingu-Flusses verteilt“, sagt Verena Glass.

Ein weiteres Problem: Das kanadische Bergbauunternehmen Belo Sun will dort die größte Gold-Tagebaumine in Brasilien errichten. Glass bestätigt, dass die Landkonflikte zugenommen und sich verschärft haben. Es gibt immer mehr Gewalt und sogar Morddrohungen. „Wir wollen in den Dörfern ein Netzwerk von Gruppen schaffen, die als Wächter des Xingu zusammenarbeiten“, so Verena Glass.

Auch in Ecuador war die Arbeit durch Corona-Beschränkungen erschwert. Felipe Bonilla von Acción Ecologica beklagt: „Für uns ist es eine wahre Odyssee gewesen, um in die indigenen Territorien zu gelangen. Holzfäller, Öl- und Bergbaufirmen haben dagegen fast ungehindert weiterarbeiten können. Die Regierung hat sie als strategisch wichtig eingestuft. So konnten sie sich frei bewegen und das Virus in die Regenwaldgebiete einschleppen“.

Ecuador: Gericht bestätigt Landrechte

Weil sich die indigenen Sápara gegen die geplante Erdölförderung in ihrem Territorium widersetzen, wollte das Landwirtschaftsministerium den Regenwald der Sápara teilen. Das sollte den Weg für den chinesischen Konzern Andes Petroleum frei machen, der im Gebiet der Sápara zwei Ölförderkonzessionen besitzt. Die indigene Gemeinschaft hat dagegen vor Gericht geklagt und erhielt Recht: Das Ministerium muss den Landtitel an die Indigenen zurückgeben, so das Urteil des Provinzgerichts in Puyo.

Selbsthilfe-Projekte in Afrika

„Die Frauen-Gruppen, die wir in ökologischer Landwirtschaft unterstützen, hatten enorme Verluste, weil sie ihre Produkte nicht auf den lokalen Märkten verkaufen konnten“, berichtet Appolinaire Oussou Lio von der afrikanischen Organisation Groupe de Recherche et d‘Action pour le Bien-Etre au Bénin (GRABE). Der Arbeitsschwerpunkt von GRABE liegt in der Stärkung von Frauengruppen, Jugendvereinigungen sowie von Natur- und Kulturclubs mit traditionellem Wissen und Praktiken im westafrikanischen Benin. Während der Pandemie konnten die meisten der freiwilligen Helfer nicht mehr kommen, Workcamps mussten abgesagt und das Personal der Organisation auf drei Mitarbeiter reduziert werden. Nun versucht die Gruppe, durch Partnerschaften mit einer Universität neue Freiwilligenprogramme zu starten.

Mit Spendengeldern von Rettet den Regenwald verteidigt das African Institute for Culture and Ecology (AFRICE) in Westuganda gemeinsam mit den indigenen Bagungu die Wälder und Sumpfgebiete im Königreich Bunyoro gegen die Ölindustrie. „Als die Covid-19-Erkrankungen begannen, sind viele Menschen aus den Städten in die Dörfer zurückgekehrt“, erklärt Dennis Tabaro von AFRICE. Weil die Lebensmittel oft nicht ausreichten, wurde sogar das Saatgut für die nächste Pflanzsaison aufgegessen. Als Reaktion hat AFRICE nicht nur Nahrungsmittel, sondern auch neues Saatgut organisiert. Inzwischen konnten die Gemeinden es aussäen und vermehren. „Das war ein großer Erfolg in diesem Jahr“, so Tabaro. 

Leute von Kinipan blockieren Holzfällern und Bulldozern von SML die Zufahrt Borneo hat die Hälfte des Regenwaldes verloren, für Holz, Papier, Palmöl und Kohle. Save our Borneo wehrt sich mit dem Dorf Kinipan gegen die Zerstörung. Der Regenwald kann nur überleben, wenn die Waldrechte der Indigenen respektiert werden. (© Save Our Borneo)

Frauen bei der Ernte in Buliisa AFRICE aus Westuganda fördert traditionelle Anbausysteme, die die Natur und Artenvielfalt erhalten. Die Organisation kritisiert die Regierung, die ausschließlich auf industrielle Landwirtschaft setzt und Alternativen nicht in den Blick nimmt. (© AFRICE)

Pongo Tapanuliensis Im Batang-Toru-Wald auf Sumatra leben die seltenen Tapanuli-Orang-Utan. Staudamm und Wasserkraftwerk würden ihr Ende bedeuten. Proteste reichen nicht, daher bildet die Organisation Elsaka Frauen zu Ecoguards aus, denn „Frauen sind die besseren Waldschütze (© Maxime Aliaga)

Gemüsegarten in San Cristobal Ernährungssouveränität: Otros Mundos organisierte städtische Familiengemüsegärten in San Cristóbal de las Casas, Chiapas. Darüber hinaus engagiert sich Otros Mundos gegen Megaprojekte in Mexiko. (© Otros Mundos Chiapas)

Belo Monte Region Xingu Vivo hilft den Menschen rund um das brasilianische Wasserkraftwerk Belo Monte. Das Projekt hat die Region zur Abholzungsfront im Amazonasgebiet gemacht. Großgrundbesitzer greifen nach neuen Landflächen im Regenwald, mit voller Rückendeckung der Regi (© Xingu Vivo)

 

Waldrechte als letzte Chance

Neben Amazonien und dem Kongobecken beheimatet auch Südostasien große Regenwaldgebiete. Rettet den Regenwald arbeitet mit Partnern auf Sumatra, Borneo, Sulawesi und Papua. Zwei Drittel aller Ölpalm-Plantagen Indonesiens sind auf Sumatra, jahrhundertelang berühmt für Urwälder und indigene Völker und Kulturen. Regenwälder im Tiefland gibt es heute kaum noch. Elefanten, Orang-Utans, Nashörner und Tiger können nur noch in bergigen Regionen überleben.

Seit 20 Jahren kämpft Feri Irawan vom Grünen Verein gegen den Verlust der Regenwälder auf Sumatra. Besonders liegt ihm das Schicksal der Suku Anak Dalam am Herzen. Die Waldnomaden leben heute erbärmlich inmitten von Plantagen. „Landraub ist unser größtes Problem. In ganz Indonesien haben Millionen Menschen ihren Wald verloren und damit ihre Existenz. Wir sind fast machtlos“, sagt Feri Irawan zögernd.

Doch der Grüne Verein stellt sich mit allen Mitteln gegen diese Entwicklung. Mit Erfolg. Gerade erst wurden für einige Gruppen der Suku Anak Dalam die Waldrechte offiziell anerkannt. Hunderttausend Hektar dürfen somit nicht mehr an Konzerne verpachtet werden. Die Suku Anak Dalam pflegen den vorhandenen Wald und die abgeholzten Flächen forsten sie wieder auf. „Waldrechte sind unsere letzte Chance, die verbliebenen Regenwälder zu retten. Dafür kämpfen wir in Zukunft, denn in diesem Jahr konnten wir wegen der Covid-Pandemie kaum in den Wald“, so Irawan.

Dana Tarigan und viele Mitglieder von Green Justice Indonesia sind dieses Jahr an Covid-19 erkrankt. Trotzdem haben sie ihren eindrucksvollen Dokumentar-Film „Eine Million Hoffnungen“ beenden können. Der Film zeigt, dass die Mangroven an der Ostküste Sumatras der beste Puffer gegen Katastrophen und die Folgen der Klimakrise sind. Sie sind die Kinderstube für die Meeresfauna und sichern die Existenz der Menschen. Zusammen mit Walhi, dem indonesischen Umweltnetzwerk, bereitet Green Justice zudem eine Bürgerklage gegen die Vernichtung der Mangrovenwälder vor. „Die Chance, den Prozess zu gewinnen, ist gering“, sagt Dana Tarigan. „Doch die öffentliche Aufmerksamkeit ist uns gewiss und mancher Investor wird es als Risiko sehen, sich hier zu engagieren.“

Damit spielt Tarigan auf ein Staudamm-Projekt an, das den Batang-Toru-Wald bedroht. Dort lebt die seltenste Orang-Utan-Art, der Tapanuli-Orang-Utan. Staudamm und Wasserkraftwerk würden das Ende des Waldes bedeuten. Den Prozess gegen die Regierung, die das Projekt genehmigt hat, haben die Umweltschützer zwar verloren. Doch den weltweiten Aufschrei, die Proteste vor Ort und die Petitionen haben zum Beispiel die mächtige Bank of China bewogen, sich aus der Finanzierung zurückzuziehen – zumindest vorerst.

Demo gegen Bergbau Proteste trotz Covid: Die Nationale Anti-Bergbau Front in Ecuador organisiert eine große Demonstration in Quito. (© La Raíz)

Sulawesi: E-Mobilität bedroht Regenwälder

Sulawesi ist reich und der Reichtum ist zugleich das Unheil der Insel. Der Abbau von Gold, Sand und Nickel zerstört die Natur. Seit Jahren kämpft die Organisation Jatam mit Gerichtsprozessen und Kampagnen gegen korrupte Beamte und unverantwortliche Firmen. 

Die neue Bedrohung für die Rohstoffe auf Sulawesi heißt: E-Autos und ihre Akkus. Hierfür werden enorme Mengen Nickel benötigt und die finden sich auf Sulawesi. Die erste Nickelschmelze der Insel produziert bereits. Dafür wurde Küstenwald abgeholzt und der Abraum mit allen Rückständen wird ins Meer geleitet. Dicker roter Schlamm bedeckt den Meeresboden und tötet das gesamte Leben ab. „Für uns ist es ein Erfolg, dass die Betreiber der Nickelschmelze dazu verurteilt wurden, die Küste mit Mangroven wieder aufzuforsten“, sagt Taufik, Aktivist von Jatam. 

Wer noch dichte Regenwälder sehen möchte, mit indigenen Gemeinschaften, die nach alter Sitte als Teil des Waldes leben, wird in Papua fündig. „Der Wald ist unsere Mutter. Sie gibt uns alles“, sagen die Einheimischen. Doch in Papua tummeln sich seit einigen Jahren große Agrarkonzerne und die Holzmafia. Im südlichen Flachland sind in kurzer Zeit mehr als eine Million Hektar Regenwald abgeholzt worden. Heute wachsen dort Ölpalmen. Dutzende Firmen stehen in den Startlöchern und die Regierung will Ölpalmen auf weiteren sechs Millionen Hektar anbauen. Viele Genehmigungen sind bereits erteilt.

 „Die indigenen Papua lehnen Palmöl ab. Sie organisieren sich, erhalten Training und Aufklärung“, sagt Franky von der Organisation Pusaka. Oft werden die Menschen betrogen, doch manchmal kann die Spur der Zerstörung ausgebremst werden. Dazu braucht es Solidarität und eine gute Zusammenarbeit.  Wenn Umweltgruppen mit Indigenen und den lokalen Behörden an einem Strang ziehen, sind Erfolge für den Regenwald möglich. Zurzeit werden Dutzende Ölpalmfirmen unter die Lupe genommen. 14 haben ihre Genehmigung bereits per Gericht verloren, andere müssen mit Sanktionen rechnen. 300.000 Hektar Wald sind bereits gerettet. Jetzt kommt es darauf an, dass der Wald mit seinen Naturschätzen bewahrt wird und die Rechte der Bewohner respektiert werden. 

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Die Reise zu unseren Partnern in Lateinamerika, Afrika und Südostasien beschreibt Beispiele für die Arbeit vor Ort. Auf unserer Website finden Sie mehr Details zu Projekten und Aktionen unserer Partner.

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