Soja frisst den Regenwald

09.01.2007

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Analyse

Soja frisst den Regenwald
Vandana Shiva
Vor fünfzig Jahren hatte keine Kultur auf der Welt Soja auf dem Speiseplan. Dann begann man in den USA, sie in der industriellen Nahrungsmittelproduktion zu verwenden. Heute findet man sie in 60 Prozent aller verarbeiteten Nahrungsmittel. Die Förderung der Soja als Nahrungsmittel ist ein riesiges Experiment, das in den USA zwischen 1998 und 2004 mit 13 Milliarden US-Dollar vom Staat gefördert wurde. Dazu kommen 80 Millionen US-Dollar pro Jahr von der dort ansässigen Industrie. Das Ergebnis dieses Experiments ist die Untergrabung von Natur, Kultur und Gesundheit der Bevölkerung. Die Menschheit hat sich in ihrer Evolution von etwa 80.000 Nutzplanzen ernährt - von 3.000 in ständiger und systematischer Weise. Gegenwärtig liefern die Ernten von 8 Feldfrüchten die Basis für etwa 75 Prozent der Nahrungsmittel weltweit.

1998 ist das einheimische Speiseöl in Indien, das traditionell in handwerklichen Mühlen aus Senfkörnern, Kokosnuss, Sesam, Leinsamen und Erdnüsse kalt gepresst wurde, verboten worden - angeblich aus Gründen der "Ernährungssicherheit". Gleichzeitig wurden die Importbeschränkungen für Sojaöl aufgehoben. Diese Maßnahmen haben die Existenz von 10 Millionen Landwirten aufs Spiel gesetzt. Millionen Tonnen von Ölen aus genetisch veränderter Soja - zu niedrig gehaltenen Preisen - werden weiterhin in den indischen Markt gepumpt. Dieselben Konzerne, die für solches Dumping verantwortlich sind, Cargill und ADM, zerstören gleichzeitig weite Flächen im Amazonas, um Sojapflanzungen anzulegen. Die Menschen in Brasilien und Indien werden durch die Förderung von Monokulturen, die nur den Interessen der internationalen Agroindustrie dienen, existentiell bedroht.

Aber auch die Menschen in Nordamerika und Europa sind davon indirekt betroffen. Fast 80 Prozent der Soja wird als billiges Futter für die Rinderzucht verwendet, ein Prozess der den Regenwald zerstört und beiläufig auch gesundheitliche Risiken mit sich bringt, da Soja hohe Konzentrationen an Isoflavone und Phyto-Oestrogene vorweist und hormonale Ungleichgewichte beim Menschen verursacht. Die Monokulturen führen zu Mangelernährung sowohl bei den Unternährten wie auch bei den Überernährten. Eine Milliarde Menschen leiden unter Nahrungsmangel, weil die Monokulturen ihnen die Existenzgrundlage in der Landwirtschaft geraubt haben. Gleichzeitig leiden 1,7 Milliarden Menschen an Fettsucht und Krankheiten durch Fehlernährung. Die kleinen und mittleren Landwirtschaften mit biologischer Vielfalt haben nachweislich eine höhere Produktivität und schaffen ein höheres Einkommen für die Bauern. Die Ernährungsfreiheit der Bürgerinnen und Bürger hängt aber von der Biovielfalt ab.

Wir verlieren nicht nur den Regenwald des Amazonas, der bis 2080 völlig verschwunden sein wird, wenn das bisherige Tempo der Regenwaldrodungen beibehalten wird, sondern zerstören auch das Klima unseres Planeten. Der Amazonas ist die Lunge und das Herz der Erde. Hier wird nicht nur CO2 aus der Atmosphäre abgebaut und in Sauerstoff verwandelt, sondern auch Feuchtigkeit an die Passatwinde abgegeben. Im Ausmaß, in dem Wälder zerstört werden, verringert sich die Luftfeuchtigkeit und die Dürren nehmen zu. Vandana Shiva, Schriftstellerin und Aktivistin für die Rechte der Frauen und den Umweltschutz. Sie erhielt 1993 den Right Livelihood Award - den alternativen Nobelpreis. Berliner Zeitung, 06.01.2007